Dirigent Kirill Petrenko: Aus Meiningen um die Welt

Kirill Petrenko, vor einem Jahr in den Schlagzeilen als Dirigent, der als Generalmusikdirektor von Meiningen Wagners "Ring" an vier aufeinanderfolgenden Tagen dirigierte, leitet im Musikverein das RSO Wien. Der junge Aufsteiger im "Presse"-Gespräch.

"DIE PRESSE": Für einen Dirigenten Ihrer Generation, 1972 in Omsk geboren, scheint die vierte Symphonie von Franz Schmidt eine ungewöhnliche Wahl für das erste eigene Konzert, heute abend, im Wiener Musikverein.

Kirill Petrenko: Ich habe diese Symphonie zum ersten Mal während meines Studiums hier in Wien gehört und war auf Anhieb begeistert. Endlich eine mir völlig unbekannte Musik, die groß im Geist und in der Idee war, perfekt im Aufbau, in der Form und meisterhaft in der Ausführung. Es ist das Spätwerk eines Meisters in dem man die Verbundenheit mit Brahms, Mahler und Zemlinsky erkennt und das in der Fortsetzung einer ganz großen Tradition steht. Ich habe dann die erste Gelegenheit benutzt, die sich geboten hat und die Vierte bei meinem Debüt beim WDR in Köln vor über zwei Jahren erstmals dirigiert.

Ist Ihnen diese Periode der Musikgeschichte besonders nah?

Petrenko: Ohne Zweifel. Jene Phase der Wiener Musik des späten Mahler, des frühen Schönberg, Zemlinskys oder eben Schmidts interessiert mich sehr. Die Wiener Spätromantik an der Schwelle zur freien Atonalität hat Musik größter Qualität hervorgebracht, die Geschmackssache sein mag - mein Geschmack ist es auf jeden Fall.

Ihr Name ist international mit dem Ring in Meiningen breiter bekannt geworden. Was ist danach passiert?

Petrenko: In Meiningen ging es darum, das Festspielniveau des Ringes auf den Spielbetrieb zu übertragen. Das ist zum Teil gelungen. Ich muß sagen, daß ich vor wenigen Wochen bei der Ballettpremiere von Petruschka und Feuervogel sowohl auf einzelne Solisten, als auch auf das Orchester zum ersten Mal wirklich stolz war.

Zum Abschluß meiner Arbeit folgt nun Peter Grimes, was enorme Anforderungen an alle stellt, und es soll so etwas wie meine Bilanz in diesem Haus werden.

Das Handwerk lernen

Sie haben den beschwerlichen Weg des Opernkapellmeisters auf sich genommen: Nach dem Studium Assistent, dann Kapellmeister an der Wiener Volksoper, danach GMD in Meiningen, ab Herbst GMD der Komischen Oper in Berlin . . .

Petrenko: Ich war sehr glücklich erst an der Volksoper und dann in Meiningen das Handwerk weiter vervollkommnen zu können und vor allem begreifen zu lernen, was Qualität ausmacht. Was es an Arbeit kostet und wo man wirklich investieren muß. Die Komische Oper ist die Fortsetzung dieser Arbeit, nur kann ich jetzt auf ein besseres Handwerk und auf ein organisatorisches Fundament bauen.

An der Komischen Oper werde ich an einem ganz besonderen Haus arbeiten, das zwar nicht das Geld für teure Solisten hat, in dem aber der Geist des Ensembles und der Gruppen voll hinter der Szene und der musikalischen Leitung steht. Natürlich werden in Berlin auch hohe Ansprüche gestellt. Es ist die Stadt, wo man versuchen muß neben Barenboim, Rattle und Thielemann zu bestehen.

Es wird aber in den nächsten Jahren nicht nur bei Berlin bleiben. Nach Ihrem Debüt an der Wiener Staatsoper folgen kommenden Sommer Salzburg, im nächsten Jahr Paris, Covent Garden und die Met in New York.

Petrenko: Es ist wichtig, kennen zu lernen, welche Ansprüche an den ganz großen Häusern gestellt werden, was dort die echte Kunst wert ist. Und man will sich natürlich ab einer gewissen Periode in der eigenen Entwicklung einbringen und zeigen, was man zu sagen hat.

Wie war Ihre erste Erfahrung hier an der Staatsoper?

Petrenko: Es war eine immens kurze Probenzeit, in der enorm pflichtbewußte Sänger im Stande waren, zwei Aufführungen auf relativ hohem Niveau zu leisten. Man begegnet einem Orchester mit ungeheurer Flexibilität, das sich ständig neu formieren kann und nicht nur auf den Dirigenten schaut, sondern die eigene Sicherheit nie aufgibt und auch unmittelbar auf die Bühne reagiert. So eine Erfahrung bleibt haften.

Symphonie in der Oper

Sind weitere Auftritte geplant?

Petrenko: Ja, aber vor dem Herbst 2004 wird es sich wohl nicht ausgehen. Aber ich möchte natürlich die Bekanntschaft und Erfahrung mit diesen außerordentlichen Musikern vertiefen . . .

Trotzdem ist die Oper nicht ihr einziges Betätigungsfeld?

Petrenko: Ich möchte mich auf keinen Fall einseitig entwickeln. Man muß auf zwei Beinen stehen und wenn auch im Moment eines schwerer wiegt, so ist dafür jedes der wenigen Konzerte um so wichtiger. Außerdem spielen wir ja an der Komischen Oper acht Symphoniekonzerte, von denen ich rund die Hälfte leite.

Das RSO Wien dirigieren Sie ja nicht zum ersten Mal?

Petrenko: Das erste Zusammentreffen war hier im Musikverein anläßlich meiner Abschlußprüfung an der Hochschule. Ich werde nie vergessen, wie mich das Orchester damals unterstützt hat, und ich habe auch heute noch dieses Gefühl. Deshalb ist mir die gute Beziehung zu diesen Musikern besonders wichtig und ich hoffe, das wird auch in der Zukunft so bleiben.

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