Bayreuths Vorhang hob sich für wahre Abendstern-Stunde

Mit "Tannhäuser", von Philippe Arlaud neu inszeniert, wurden die Bayreuther Festspiele eröffnet. Christian Thielemann und ein grandioses junges Sängerensemble sorgten für eine musikalische Sternstunde.

Das war, um es kurz zu machen, eines der erlesenen musikalischen Erlebnisse der jüngeren Interpretationsgeschichte. Ein begnadeter Dirigent kann, das war hier zu lernen, mit einem Ensemble von guten jungen Solisten (fast ausschließlich Rollendebütanten!) eine konzentrierte, fein differenzierte Aufführung erarbeiten, die wahrhaft unerhörte Details einer großen Partitur ans Licht bringt und doch wie aus einem Guß, wie auf einen großen Atem gesungen wirkt.

Dergleichen ist nicht häufig. Bei "Tannhäuser", der in gewisser Hinsicht Richard Wagners schwierigstes Musikdrama darstellt, gelingt es fast nie.

Man hat für die Neuinszenierung die Dresdner Urfassung gewählt. Wagner selbst war von ihr keineswegs überzeugt, hat sie für Paris bearbeitet und erachtete auch diese Zweitversion als ungenügend. "Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig", soll er zuletzt gemeint haben. Tatsächlich stellt man sich bei diversen Aufführungen beider Fassungen immer wieder die Frage, welche Brüche der Komponist noch zu kitten gehabt hätte, welche Verdeutlichung der Charaktere, welche dramaturgischen Korrekturen nötig gewesen wären.

In Bayreuth war diesmal alles anders. Christian Thielemann hat diese, seine erste echte Festspielpremiere, mit Akribie sondergleichen vorbereitet und gestaltete mit organisatorischer Umsicht eine so meisterliche musikalisch-dramatische Architektur, daß endlich keine Fragen offen blieben. Faszinierend, wie dieser Dirigent weitgespannte Formverläufe klar und natürlich aufzubauen versteht und - etwa beim Einzug der Gäste auf die Wartburg - alle scheinbar retardierenden formellen Zeremonien in die Gesamtstruktur einbettet. Untrügliches Gespür für Temporelationen und architektonische Balance fassen scheinbar Unverbundenes zu großen Einheiten. Mit dem Effekt, daß die Zeit unglaublich schnell vergeht.

Ein Fest der jungen Sänger

Die Szenen des dritten Aufzugs schienen zu einem einzigen großen Atemzug zu verschmelzen, eine aus der anderen organisch herauswachsend, jeweils dem nächsten Höhepunkt zusteuernd, ehe das Geschehen in einem atemberaubenden Finale gipfelte, in dem der phänomenale Bayreuther Chor überwältigend die letzten Kraftreserven mobilisierte. Die architektonische Kunst geht bei Thielemann freilich Hand in Hand mit einer geradezu fanatischen Liebe zum feinnervig differenzierten Klang. Das Festspielorchester überbot sich selbst in der behutsamen Abmischung von Farbschattierungen, weich modellierten Übergängen, mit natürlicher, über alle Taktstriche hinweg fließender Phrasierung (etwa im "Lied an den Abendstern").

Die Gesangslinien schienen sich stets organisch aus dem Orchesterklang zu entwickeln, wurden von diesem getragen und geführt.

In keinem Moment war da ein Sänger allein gelassen oder in ein falsches Korsett gepreßt. Ein Stilist wie Roman Trekel, der als Wolfram von Eschenbach den größten Abendapplaus einheimste, konnte seinen Bariton in belkantesker Großzügigkeit entfalten, wie das kaum je zu hören ist: vokale Linienführung von unglaublicher Souveränität.

Dem schloß sich Kwangchul Youn an, der dem Landgrafen ungeahnte ariose Dimensionen verlieh. Dermaßen schön und doch machtvoll ist diese Partie seit langem von niemandem mehr gesungen worden.

Bewegend auch die Elisabeth Ricarda Merbeths. Ihrem Sopran mag es in den eruptiven dramatischen Augenblicken des Mittelakts noch an Attacke mangeln. Die Ehrlichkeit, die Innigkeit ihres Singens verlieh jedoch der Hallenarie, dem Dialog mit Tannhäuser und vor allem dem in entrückter Schlichtheit strömenden Gebet die Dimension berührender Größe.

Der Titelheld war mit Glenn Winslade besetzt, der sich eine arge Fußverletzung zugezogen hatte und, gesundheitlich angeschlagen, ein vokales Meisterstück vollbrachte. Wer bemängelt, daß sein Tenor in der Höhe ein wenig zu gradlinig zu werden droht, überhört die Qualität der Gesamtleistung. Ein Tannhäuser mit solchen Kraftreserven, mit solcher Sicherheit in der Linienführung kennt heute keine Konkurrenz.

Ein wenig zurückstehen muß lediglich die neue Venus von Barbara Schneider-Hofstetter, die zwar über einen herrlich timbrierten Mezzo verfügt, diesen aber doch wenig differenziert, allzu buchstabierend einsetzt. Hier freilich schlug das große Manko dieser Premiere, Philippe Arlauds Inszenierung, am härtesten zu. Zwar bemühte sich der wie so oft mit ätherischen Lichteffekten brillierende Regisseur um eine detailverliebte Charakterisierung der Ritterschaft; bis hin zum zappeligen Biterolf (John Wegner), der offenbar einen fernöstlichen Kurs im Säbeltanzen absolviert hat und in der Heimat mit seinen Balletteinlagen zum unbeherrschten Halbstarken mutiert. Profil gewinnt bei solchen jeweils isoliert stehenden choreographischen Ansätzen jedoch nur die sanft in Blicken und Bewegungen diskutierte Beziehung zwischen Wolfram und Elisabeth.

Szenisches Ungeschick

Im übrigen wirken von den starren Marionettenarrangements für den Chor bis zu den Solisten die Personen ungeführt, allein gelassen. Im Verein mit den langsamen Bewegungen der drei Venusberg-Statistinnen - die bezeichnender Weise bald im Schoße ihrer Göttin entschlummern - ergibt das in der ersten Szene des Werks eine tödlich langweilige optische Melange. Selbst der Final-Auftritt der Venus, der in einem packenden Licht-Arrangement endet, wird durch den darauf folgenden, unbeholfenen Abgang der Sängerin zunichte gemacht. Das ist szenisches Ungeschick erster Güte. Nur die Frage, ob die Bühnenbilder mit ihren Rasen- und Blümchenorgien nun kitschig oder gerade noch in den Grenzen des guten Geschmacks seien, bewegte noch die Geister.

Im besten Falle stören Arlauds Arrangements den überwältigenden Ablauf der Musik nicht, was heutzutage immerhin bemerkenswert scheint. Der Mitschnitt dieser Bayreuther Premiere jedoch wird, das wage ich zu prophezeien, einmal Kultstatus erreichen. In gleicher Vollendung ist der "Tannhäuser" vielleicht nie aufgeführt und jedenfalls nie aufgenommen worden.

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