Barcelonas Wagner-Geheimnis, erstaunlich!

Bertrand de Billy, designierter Chefdirigent des RSO-Wien, leitete in Barcelona eine musikalisch ebenso gewaltige wie fein differenzierte Premiere von Wagners "Tristan und Isolde".

Kurz nach dem grandiosen "Ring des Nibelungen" in Barcelona konnte ein reisender Wagner-Verehrer aus Wien auch am Teatro Liceo von Barcelona eine mehr als achtbare Produktion bewundern: Bertrand de Billy, demnächst Chef des Wiener RSO und nach wie vor musikalischer Leiter des Liceo, gestaltete eine akribisch einstudierte, penibler Detailarbeit zum Trotz auch auf große Linie setzende, packende Wiedergabe des "Tristan". Noch einmal also eine meisterhafte Leistung eines Orchesters, das die Fama keineswegs ins Spitzenfeld der Wagner-Interpretation reihen würde. Was beweist: Wenn der rechte Mann am Pult steht und Zeit hat zu proben, ergeben sich die Dinge, wie sie sollen. Im Falle des "Tristan" heißt das: Die Musiker tragen den Fluß der Gesang-Stimmen stets mit dem richtigen Atem für das deutsche Idiom des Textes. Sie fühlen sich außerdem ein in die verzehrende Leidenschaftlichkeit von Wagners Tonsprache, ohne darüber die guten Manieren des Begleitens zu vergessen.

In keinem Moment dieser bemerkenswerten Premiere war ein Sänger nicht zu hören. In den meisten Fällen waren die Protagonisten sogar deutlich zu verstehen. Da war der hierzulande nur als Lohengrin bekannte John Treleaven, ein Tristan, der heute keine Konkurrenz zu scheuen braucht. Er klingt ein wenig wie einst Wolfgang Windgassen, sehr weich timbriert, sehr lyrisch und doch kernig, kraftvoll und leidenschaftlich. Er forciert nie und nimmer, und weil das Orchester des Liceo unter De Billys Führung ein ganzes Liebesduett lang geradezu flüsternd piano spielt, ohne daß Ton und Intensität an Konsistenz verlören, sind die tenoralen Phrasen alle, alle zu hören.

Isolde, Deborah Polaski, hätte auch bei größerer Lautstärke keine Mühe, die Klangwogen zu übertönen. Wenn De Billy im ersten Akt ins Volle greift, um die Seelenpein der Heldin markerschütternd fühlbar werden zu lassen, dann setzt die Polaski noch ein Schäufelchen an Kraft zu - sie triumphiert vor allem dort, wo Attacke und große vokale Geste gefragt sind.

Lioba Braun ist die liebende Dienerin an ihrer Seite, eine Brangäne von Format, fast zerbrechlich in den Augenblicken der Verzweiflung - von rarem Wohllaut in den Wacherufen des Mittelakts. Alan Held gibt einen souveränen Kurwenal, Erik Halvarson ergänzt die glanzvolle Besetzung profund als König Marke. Und Alfred Kirchner hat in gewaltig aufragenden, bewußt verzerrt perspektivischen, alptraumartigen Bühnenbildern von Annette Murschetz sorgfältig Regie geführt, nirgends provokant, hie und da ein wenig mit Durchhängern ringend, aber erfreulich realistisch.

Barcelona hat, auch wenn man das hierzulande kaum glaubt, eine enorme Wagner-Tradition. Sie reißt nicht ab, im Gegenteil, sie erfreut sich einer qualitativ hochwertigen Gegenwart.

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