In einem Proteststurm ging die Bayreuther "Ring"- Inszenierung von Jürgen Flimm unter. Das Publikum mißbilligte die Klamauk-Orgien der Regie in seltener Einhelligkeit.
Dermaßen wütender Protest ist selbst im Bayreuther Festspielhaus rar. Als Jürgen Flimm mit seinem Team nach der "Götterdämmerung" auf der Bühne erschien, erhob sich ein Buh-Orkan der Sonderklasse. Es wäre gelogen, würde ich behaupten, ich verstünde nicht jeden einzelnen dieser Protestrufe.
Schon vor zwei Jahren anläßlich der Premiere der Inszenierung war es ärgerlich, wieviele Gags, Slapstickeinlagen und Witzchen Jürgen Flimm völlig gegen den Strich der Musik und irgendwie lässig neben die Handlung plaziert hatte. Mittlerweile hat sich die Sache noch verschlimmert. Die vielzitierte "Werkstatt Bayreuth" macht's möglich, daß sich all das noch vervielfacht und zum gigantischen Kasperltheater verdichtet, durch das die mythologische Handlung nicht einmal mehr in Ansätzen durchschimmern kann.
Spätestens wenn die Gibichungen unausgesetzt über die unzähligen Stiegen und Leitern von Erich Wonders Stahlkonstruktion gehetzt werden, gibt der Regisseur seine endgültige Bankrotterklärung ab. Da ist den Sängern die Entwicklung von Charakteren schon zeitlich betrachtet gar nicht mehr möglich. Hauptsache, sie kommen rechtzeitig am Treppenabsatz an.
So wie sich der Beziehungszauber, die tragische Verstrickung der Charaktere auf diese Weise nie ereignen kann, mangelt es der Inszenierung auch an jeglichem Bilderzauber. Nüchtern und aussagelos sind auch die Kostüme Florence von Gerkans. Daß sich eine Götterdämmerung visuell nicht ereignet, versteht sich angesichts der phantasielosen Gesamtgestaltung dieses "Rings" wohl von selbst.
Eine Ahnung von Wagner
Nur Adam Fischer im Orchestergraben bemüht sich, die pastosen, wuchtigen, schweren Farben und dramatischen Gebärden zu beschwören. Das gelingt ihm immer wieder, wenn auch nur zwischendurch. Filigranere Konstrukte, feine Farbabmischungen, wie sie Wagners grandios vielgestaltige Partitur erst zum Seelenkosmos werden lassen, bleiben bei diesem Dirigenten unterbelichtet. Dennoch jubelt ihm die Bayreuther Gesellschaft zu, denn sein Teil der Arbeit läßt Wagners Vorstellungen immerhin erahnen.
Die Besetzung ist ungleichgewichtig, dominiert vor allem vom mächtigen Hagen John Tomlinsons und der schönstimmigen, lyrischen Waltraute Lioba Brauns, deren behutsame Phrasierungskunst an vokaler Zerbrechlichkeit nur noch von Olaf Bärs Gunther überboten - oder angesichts der Phonstärke besser: unterboten wird. Sein Auftritt ist wohl nur dank des verdeckten Bayreuther Orchestergrabens möglich.
Gegen die belkantesken Vorgaben solcher Sänger, aber auch gegen die Prägnanz von Hartmut Welkers Alberich können sich Brünnhilde und Siegfried nicht behaupten. Sowohl die von argen Vibrato-Anfällen beeinträchtigte Evelyne Herlitzius, der es in den entscheidenden Momenten dann trotz aller Forcierung an Durchschlagskraft mangelt, als auch der eintönig kraftmeiernde Wolfgang Schmidt bleiben allzu vordergründig, unausgereift.
Fazit: Dieser Bayreuther "Ring des Nibelungen" liefert musikalische Solidität und ein szenisches Desaster. Die Wagner-Gemeinde wartet auf 2006, wenn Christian Thielemann und Lars von Trier eine Neudeutung versuchen.