Wenn die Qualität in der Oper Tradition hat

Mit Janáceks ,,Jenufa" gelang der Staatsoper eine achtbare, umjubelte Premiere, deren dominante Erscheinung Agnes Baltsa in ihrer neuen Rolle als Küsterin war.

Das Erfreulichste zuerst: Der Vorhang öffnet sich, und der Zuschauer weiß sofort, welches Stück gespielt wird. Angesichts der vielen allzu klugen Konzepte und intellektualistischen Verballhornungen, die heutzutage von Regisseuren übers Musiktheater gebracht werden, nimmt man es als Wohltat, wenn ein Bühnenbildner wie Robert Israel für Leos Jan¡ceks ,,Jenufa" einen gigantischen Holz-Zweckbau errichtet, in dem einmal das riesige Werk einer Mühle, dann ein aus Mehlsäcken geschichteter Wohnraum, dann wieder eine riesige Hochzeitstafel in karger Scheune klar und realistisch das Umfeld der Handlung sichtbar machen.

Und noch zufriedener ist der Opernfreund, wenn ein Regisseur wie David Pountney in diesem Rahmen dann entsprechend realistisch die vom Komponisten in Musik gesetzte Geschichte erzählt. Ohne Umschweife, ohne Zutaten, einfach so, wie's im Buche steht. Dergleichen gehört ja in unseren Tagen geradezu schon wieder zur Theater-Avantgarde. Gott geb's, daß diese sich entsprechend weiterentwickeln möge.

Richtige Atmosphäre

Was Pountney, Israel und die Kostümbildnerin Marie-Jeanne Lecca zuwege gebracht haben, hat wohl etlichen Wiener Stammgästen die Angst genommen, daß hier wieder einmal eine der Säulen des Wiener Repertoires durch einen falsch verstandenen Erneuerungsehrgeiz vernichtet würde. ,,Jenufa" bleibt, soviel steht nun fest, für die kommenden Jahre in der rechten Atmosphäre spielbar.

Das Werk war immer eines der Glanzstücke im Spielplan. Ein neues Ensemble singt und spielt also gegen Legenden an. Für die Premiere hat man diesmal eine Sängerriege verpflichtet, die bis in die Nebenrolle hin typengerecht besetzt ist. Mag sein, daß hie und da eine Stimme weniger schön, weniger prägnant klingt als die andere. Insgesamt aber fügen sich akustisches und optisches Bild zum harmonischen Ganzen.

Eitler Schönklang

Auf solchem wohlbestellten Grund können besonders starke Pflanzen aufs natürlichste wachsen und gedeihen, ja geradezu herauswuchern wie die Küsterin von Agnes Baltsa, die sich ihrem Publikum in ungewohnter neuer Rolle vorstellt und triumphal reüssiert. Als einzige im Ensemble rechtfertigt die Baltsa die Tatsache, daß die Staatsoper Jan¡cek in deutscher Sprache spielt: Bei ihr versteht man den Text. Sie schöpft auch interpretatorische Energie aus der prägnanten, gelegentlich zurecht aggressiven Artikulation mancher Phrasen.

Die Baltsa hat begriffen, daß Jan¡ceks Musik aus der Sprache geboren ist, daß Sätze, Wörter, Wortfetzen, einmal ausgesprochen, sogleich vom Orchester aufgenommen und in vielstimmige, zuweilen alptraumartig intensivierte musikalische Metaphern verwandelt werden. Das ist die einzigartige tönende Psychologie dieses Meisters. Unscheinbare, scheinbar achtlos hingeworfene Bemerkungen werden zu Klangmonstern - wie sie sich im Kopf einer der handelnden Personen festfressen können. Hinwiederum kann sich auch ein Aufschrei in eine lyrische Melodie verwandeln.

Daraus schöpft der sensible Interpret die nötige Antriebskraft für seine Darstellung. Daraus sollte auch der Dirigent die übergreifenden Strukturen der Oper entwickeln. Seiji Ozawa tut das nicht. Die Philharmoniker entfalten für ihn zwar eitel Schönklang, einen Schönklang aber, der nur in den beiden zentralen Monologen des Mittelaktes wirklich beredt wird. Im übrigen fehlt den Tönen in dieser Aufführung die unmittelbare Kraft des Ausdrucks. Oft, etwa beim Auftritt der Burschen im ersten Akt, verschwimmen die Konturen in geradezu impressionistischer Manier, fehlt es an rhythmischer Energie.

Am Beginn des dritten Akts, wo Jan¡cek weniger aus Sprachmelodie denn aus der kraftvollen mährischen Volksmusik schöpft, lockert der Dirigent die Strukturen sogar dermaßen mit dem Weichzeichner auf, daß die Musik jegliche Konsistenz verliert. War im ersten Akt noch ein fortwährendes Nachlassen der Spannung zu spüren, kam es nun sogar zum regelrechten Schmiß.

Nur dort, wo die rücksichtslos zupackenden musikalischen Erzählungen Jan¡ceks wirklich handgreiflich direkt umgesetzt wurden, entwickelte die Orchestersprache jene unentrinnbare dramaturgische Sogwirkung, die etwa vom wahrlich nicht immer schön zu nennenden Gesang, von der Sprache der Baltsa ausgingen.

Dann war Vollbluttheater, in das sich etwa der Pfundskerl von einem Stewa, wie Torsten Kerl ihn gibt, wacker einfügt.

Milde, sanfte Jenufa

Ihm glaubt man die exzessive Kraftmeierei, die aus der Schwäche geboren ist, Verletzlichkeit einschließt. Hier kann sich eine lyrische, schön singende Jenufa wie Angela Denoke mit geradezu spektakulär unspektakulärer Geste einfügen, als mildes, sanftes Licht, das in den Stürmen der Handlung des öfteren zu verlöschen droht. Und das sich aus innerer Kraft doch bis zum hymnischen Finale an der Seite des ordentlich singenden, schauspielerisch sehr präsenten Laca von Jorma Silvasti entfaltet.

Bleibt zu erwähnen, daß mit Anny Schlemm eine große alte Dame des Musiktheaters für die Miniaturpartie der alten Burya zurückgekehrt ist und dem Ensemble damit besonderes Profil verleiht. Und daß das Publikum bei jenen Momenten, in denen die Bewegungsregie sich im Verein mit Jan¡ceks Musik zu intensiven Höhepunkten verdichtete, eines Sinnes den Atem anzuhalten scheint. Dergleichen ist längst nicht mehr alltäglich im Opernbetrieb und entlädt sich zuletzt im verdienten, langanhaltenden Jubel. Bei allen grundsätzlichen Kritikpunkten: Da ist eine werkgerechte, wohl dauerhafte Produktion geglückt.

P. S. Darf man darum bitten, daß die neumodische Sitte, den Applaus nach den einzelnen Akten durch sofortiges Fallen des Eisernen Vorhangs abzuwürgen, rasch wieder abgestellt wird? Man bringt die Sänger damit um verdienten Applaus und vernichtet die Stimmung!

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