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Alles bloß eine Frage des Stils: Neidischer Bauer und Gentleman-Schlächter

In "Gangster No.1" spielen sich Malcolm McDowell und Paul Bettany an die Wand.

Die Geschichte ist einfach: Ein namenloser Gangster ist neidisch auf seinen Boss, den "Schlächter von Mayfair", Freddie Mays, und läßt den Dingen einfach ihren Lauf, als er von einem auf den Chef geplanten Anschlag erfährt. Der Gangster ermordet aber den Verantwortlichen, und Freddie, der schwer verletzt überlebt, wird dafür zu 30 Jahren Knast verurteilt. Als er schließlich entlassen wird, verläuft die Konfrontation der beiden anders als erwartet.

Paul McGuigans Gangster No.1 ist die Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von Louis Mellis und David Scinto. In der mechanischen Grausamkeit des Handlungsablaufs ebenso wie in seiner formalen Konzentration wahrt der Film die Theaterhaftigkeit der Vorlage, während Peter Sovas Kamera in extravaganten, streng gestalteten Einstellungen das verstörende Ego des namenlosen Gangsters einfängt. Die minmalistische Genreerzählung tritt gegenüber der Psyche der Hauptfigur in den Hintergrund.

Erzählt wird die Geschichte, mittels Voice-Over und Rückblende ins Jahr 1968, vom alt gewordenen Gangster (maliziös-bösartig gespielt von Malcolm McDowell: eine Neuauflage seiner Rolle als Droog Alex aus A Clockwork Orange). Paul Bettany aber, der den neiderfüllten jungen Gangster darstellt, ist das eigentliche, wenngleich schwer erträgliche Ereignis des Films. Die tödliche Gefährlichkeit seines Charakters lauert in seinen Augen ebenso wie in seiner eleganten Erscheinung: Seine Gefühlskälte ließe den Aufenthalt in einem Kühlhaus wie einen Saunabesuch wirken. Auch Bettanys Spiel bezieht sich auf McDowells legendären Droog, was nicht nur die beiden Darsteller schillernd ineinander übergehen läßt, sondern das Gewicht vom Gangsterfilm weg und hin zur pathologischen Studie verlagert.

Flokati und Partyhäppchen

An die Tradition des britischen Gangsterfilms knüpft Gangster No.1 lediglich auf einer Retroschick-Ebene an, die die Erschütterung des Genres durch Tarantino mitdenkt. Dessen Einfluß ist es wohl auch zu "verdanken", daß sich die handlungsentscheidenden Gewaltexzesse fast ausschließlich, dafür mit ungeheurer Brutalität, im Kopf des Zuschauers ereignen. Aber weder der modische Umgang mit Gewalt noch die visuelle Exzentrizität der Sets, noch nostalgische Wiedersehensfreude mit Flokati, Partyhäppchen und in den Boden versenkter Ledercouch lenken letztlich davon ab, daß die "Stilfrage", die in der Konfrontation des Gangsters mit Freddie (angemessen britisches Understatement: David Thewlis) aufgeworfen und beantwortet wird, im Grunde von Werteverfall und Charakterverlust handelt. Dem Motiv "Neid" kommt die zentrale Rolle zu: Selten sah man diese Emotion mit derart abstoßender Akkuratesse dargestellt. Bettanys von Mißgunst erfüllter kleiner Gangster könnte als Fleisch gewordene Illustration der Todsünde vom wahren Glauben abgefallene arme Sünder auf den Pfad der Tugend zurückführen. Er ist die Schlange, die Freddie am Busen nährt, ein ungehobelter Bauer neben einem Gentleman. Mit ihm siegt das kleinkariert-brutale, egoistische Prinzip des modernen Verbrechens über die weltmännischen Strukturen krimineller Zusammenschlüsse der Vergangenheit. Das Milieu allerdings - ist nur ein Spiegel.