Michel Houellebecq, soeben erneut als "Reaktionär" punzierter französischer Erfolgsautor, fühlte sich im Wiener Rabenhof nach einer Dosis Whisky "unglaublich wohl".
"Sind Sie glücklicher geworden, Michel?", fragt der Conf©rencier. "Ganz und gar nicht", murmelt Houellebecq, und die Leute lachen, wie sie an diesem Abend über alles lachen, was traurig und bedenklich ist: ein geeichtes Wiener Kabarettpublikum. Eine dreiviertel Stunde und eine halbe Flasche Whisky später passiert dem Autor auf der Bühne des Rabenhoftheaters "etwas Merkwürdiges": "Ich fühle mich hier unglaublich wohl."
Man sieht es ihm nicht wirklich an: In einem Anzug, dessen Schnitt seinem gehobenen Einkommen nicht ganz entspricht, mit fast genauso grauer Haut, rastlos rauchend, sich lange hinter dem Ohr kraulend, kauert Michel Houellebecq und erfüllt sein Rollenbild: Der böse Schrift-
"Man erhofft sich von mir eine Lösung. Ich bin dazu leider nicht in der Lage."
steller betrinkt sich coram publico und läßt in aller Ruhe lästerliche Sätze los. "Ich hasse Gott. Das ist eine Person, die mir überhaupt nicht sympathisch ist." "Es ist ganz klar, daß die Moslems gegen mich mobil machen." "Es gibt zuviele Menschen auf dieser Welt." "Ich fahre mit dem besten Gewissen der Welt nach Thailand" (um dort u. a. käufliche Liebe zu konsumieren).
Dann eine jener jähen Sentenzen, die auch seine Romane durchzucken: "Ich versuche, mich der Welt anzupassen", murmelt er auf die Frage nach seiner Hauptbeschäftigung.
Warum seine Heldinnen so früh und grausam sterben müssen? Um die tiefe Angst des Liebenden zu erfüllen, daß die Geliebte vor ihm sterben könnte. Der im Roman "Plattform" kurz keimende Gedanke, Kinder zu zeugen? "Das wäre ein anderes Buch geworden." Einstweilen Lebensangst, Todesangst. Ob er ein Rezept dagegen wisse, fragt ein Zuhörer. "Man erhofft sich von mir eine Lösung. Aber ich bin dazu leider nicht in der Lage. Ich wollte nur die Welt beschreiben." Ja, Sex und Alkohol, das helfe schon.
Posen, Imagepflege, Koketterie, keine Frage. Aber echt empfunden. Genauso wie das Mitleid, das wohl stärkste Gefühl in seinen Büchern. Es gilt, und das ist das wahre Skandalon an Houellebecq, vordringlich seinesgleichen: den grauen, finanziell halbwegs gut gestellten, aber in der Arena der Geschlechter schlecht abschneidenden Männern. Daß diese auch das Zielpublikum rechtspopulistischer Parteien sind, ist Houellebecq klar - und brachte ihn, den Provokateur aus übler Laune, etwa dazu, Le Pen als "guten Kerl" zu bezeichnen. Die überschäumende Reaktion der moralischen Linken war vorauszusehen und verständlich.
Genauso wie die Reaktion auf Houellebecqs Apologie des Sextourismus als logische Konsequenz einer Wirtschaftsordnung, die Angebot und Nachfrage oft schneller zusammenführt, als die Moral es erlaubt. In seiner Männerphantasie von den "Huren, denen's ohnehin Spaß macht" ist er - auch unter Schriftstellern von Felix Salten auf- und abwärts - ganz und gar nicht allein.
Jedenfalls ist daran zu erinnern, daß sich Houellebecq (in "Elementarteilchen") klar gegen Pädophilie ausgesprochen hat. Und die "Plattform"-Passagen, in denen sich Valerie und Michel gegen Sadomasochismus, "die Sexualität der Menschen, die sich nicht lieben", wenden, sind nicht nur naiv, sondern auch berührend.
Fast wie ein Bestandteil der Inszenierung mutete ein vor dem Eingang zum Saal verteiltes Flugblatt mit dem harschen
"Die schlimmste Strafe wäre für mich, in einer islamischen Gesellschaft zu leben."
Aufruf "Stört/verlaßt die Lesung!" an. "Nur Schlappschwänze stehen auf Sextourismus!" und "Capitalism sucks!" - Houellebecq würde beide Aussagen wohl mit traurigem Grinsen quittieren: Ach ja, der freie Markt und die freie Sexualität; im Buch "Elementarteilchen" hat er sie attackiert (und in einer genetischen Zukunftsvision überwinden lassen), in "Plattform" hat er sich für resignative Affirmation entschieden. Wer schwere Punzen liebt, kann "reaktionär" dazu sagen.
Das Publikum, zum großen Teil gewiß nicht mit diesem Adjektiv zu beschreiben, verließ weder die Lesung noch störte es sie. Der sich allmählich in ein kleines Glück trinkende Autor war's zufrieden, schalt Nitsch, lobte Bernhard und Haneke und sprach, bis ihm die Endkonsonanten - der akustische Sitz der Poesie im Französischen - seine Sätze zu überfluten drohten. Sehr viele Autogrammwünsche.