Wynton Marsalis hat ein Gegenstück zu Strawinskys "Geschichte vom Soldaten" komponiert. "A Fiddler's Tale" war am Samstag beim Carinthischen Sommer und am Montag beim Wiener "Klangbogen" zu hören.
Ein Erzähler, sieben Instrumentalisten - fertig war das Kammerspiel, mit dem Igor Strawinsky nach dem Ersten Weltkrieg seine extreme Antithese zur großen romantischen Oper formulierte. Raffiniert verwob der russische Meister in sein äußerlich karges, innerlich aber erlebnisreiches Kammerspiel auch Elemente des damals nach Europa kommenden Jazz.
Nun kontert ein Jazz-Meister unserer Zeit: Wynton Marsalis, der stets rege Verbindungen zur sogenannten "E-Musik" unterhalten hat, schrieb für dieselbe Miniaturbesetzung ein Stück namens "A Fiddler's Tale". Aus dem Soldaten, den der Teufel holt, wurde eine Geigerin, die von einem Agenten aus dem liebenswerten Umfeld ihrer Jazzband ins Reich von Glanz und Glamour katapultiert wird; woran sie seelisch und körperlich zerbricht.
Im Original nahm die Story ein böses Ende. Manfred Karge hat sie in deutsche Reime gegossen und gesteht improvisatorisch ein Happy End zu. Freilich: auf Widerruf. Im Bänkelsängerton führte Karge selbst durch das von Hermann Beil behutsam arrangierte Spiel, in dem der Erzähler, aber auch die Instrumentalisten des virtuosen Merlin-Ensembles ihre Rollen haben. Im Andenken an die vor kurzem verstorbene Schauspielerin Lore Brunner erlebte "Die Teufelsgeigerin", so der deutsche Titel, nun in Villach ihre Erstaufführung.
Brunner, die im Vorjahr als sprachmächtige Gestalterin der originalen "Geschichte vom Soldaten" mit dem Merlin-Ensemble beim Kärntner Festival brilliert hatte, war auch für diesmal als "achte Instrumentalistin" vorgesehen. Manfred Karge übernahm nun im Andenken an die Künstlerin den von ihm geschriebenen Part selbst und bot eine konzentrierte, sehr harmonisch auf die Musik abgestimmte Leistung.
Marsalis hat für seine Komposition nicht nur Strawinskys Instrumentation, sondern auch den Formplan übernommen und paraphrasiert ihn delikat. Immer wieder scheinen Strawinsky-Zitate oder Anklänge durch, aber immer bleibt Marsalis seinen angestammten Idiom treu. Faszinierend, wie da mit einem Mal die von dem russischen Meister stilisierten Jazz-Klänge ihr Korsett abzuwerfen scheinen, wie sie freier zu atmen scheint, aus der Künstlichkeit zu frischem Leben erwacht.