Pop

Gospel, Punk und das kleine Ich-bin-ich

Moby, seit langem wieder ein Konsens-Popstar, füllte die Kurhalle Oberlaa. Laut, lauter, ohne Ironie.

Seine ganze Jugend lang, sagt der kleine, kahle Mann, habe er davon geträumt, von diesem peinlichen, zügellos-genießerischen Heavy-Metal-Gitarrensolo. Und jetzt sei die Zeit gekommen für das ultimative Gefiedel, eine halbe Minute lang, und für das dazugehörige "Are you ready?" - auf die Plätze!

Tatsächlich: Moby, denn so nennt sich der kleine, kahle Mann, ließ es, wie man so sagt, rocken. Und er mußte sich nicht genieren: Er kann auch das, wie so vieles. Mit seinen 36 Jahren hat er Punk (mehrmals) gehen und Techno kommen gesehen und umgekehrt, hat Gitarrensolos verworfen und wieder entdeckt, das DJ-Handwerk gelernt, gelitten, geliebt, gelebt, Millionen Platten verkauft. Eigentlich genug, um ein menschliches Gemüt mit ein wenig Ironie zu patinieren.

Das ist das Bemerkenswerteste und vielleicht das Beste an Moby: Er ist eine ironiefreie Zone. Selbst wenn er sich, wie im geschilderten Heavy-Metal-Sketch, ironisch geben will, wirkt er kreuzehrlich: Sein Herz liegt offen, und manchmal, da fühlt es sich schlecht, und die Seele auch. Davon handelt sein Hit "Why Does My Heart Feel So Bad?", davon und von der Erlösung: Die ist wortlos, und wenn sie bebildert werden soll, dann nur mit Sternen, wie bei den alten Gospelpredigern, denen Raumfahrt noch als (Bild für) Himmelfahrt galt.

Mobys "Natural Blues" ist der Gospel, daran läßt nicht nur der gleichnamige Song - der Gott ganz altväterlich als "lordy" anruft - keinen Zweifel. Auch und gerade wo er sich der zwischenmenschlichen Sehnsucht und Lust zuwendet, behält er diesen Ton - und ist damit in bester Soul-Tradition. Auch damit, daß er gern dick aufträgt: Drei Geigerinnen und drei Perkussionisten sorgten u. a. dafür, daß keine Frequenz im Hörbereich frei blieb. Denn laut muß es sein, daran hält Moby, selbst mit großzügigem Wattebausch gegen aurale Überforderung geschützt, bei aller Bescheidenheit fest.

Und grell muß es sein, das Licht muß durch den Nebel blitzen: Das hat sich Moby aus seiner Techno-Zeit behalten.

Gospel also, Techno und Soul, Metal auch - was denn nicht noch alles? Punk zum Beispiel: Zur Zugabe setzte es "Blitzkrieg Bop" von den Ramones und "Creep" von Radiohead, diesen wunderbaren Song vom schüchternen Buben, der vor der Tür zur Liebe bangt. Moby sang ihn von Herzen. Wie alles. Nur dadurch wird sein an sich gräßlicher Eklektizismus, diese Zitiersucht von der Kleinen Nachtmusik bis zu "Paranoid", erträglich: daß durch all diese routinierten Stilwechsel ein kleines Ich-bin-ich lugt, das ruft: Ich will nicht alleine sein in dieser Welt!

Nein, in der Kurhalle Oberlaa war Moby nicht allein: Selten hat man einem Mann so gegönnt, ein Star zu sein.

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