The Notwist aus Bayern im Wiener Flex: Kunsthandwerker, die alle möglichen Stilrichtungen pflegen - strebsam, aber oft langweilig.
Sie seien mit ihren 17 Jahren ja noch sehr jung, hieß es unlängst in Radio FM4 gönnerhaft über die britische Band Electric Soft Parade - aber sie hätten ihre Lektionen aus Popgeschichte zur Zufriedenheit des Fachpublikums bereits gelernt. Vernichtenderes kann man nicht sagen über den Zustand des britischen Gitarrenpop: Man muß ihn brav studieren, bald werden die ersten Akademien eröffnen.
Da hat man's in Deutschland und Österreich als Popmusiker leichter: Hier wird (noch) nicht so streng geprüft, und der Fächerkanon steht (noch) nicht so genau fest. Man darf sogar ein bisserl exzentrisch sein und um sich schauen, was denn etwa die Damen und Herren von den Elektronik- und Dancefloor-Abteilungen so tun.
The Notwist aus Weilheim, Bayern, vor zirka zehn Jahren noch dem Holzfällerhemd-Rock Marke "Independent" verschrieben, haben das getan, haben in Nebenprojekten sowohl mit Jazz (Tied And Tickled Trio) als auch mit elektronischer Musik (Lali Puna) experimentiert. Nicht ohne Erfolg: Zumindest das Tied And Tickled Trio bestach durch unverschämtes, unakademisches Ausspielen der Freejazz-Intensität.
Ihre bei solchen Ausflügen gewonnen Erfahrungen verwertet die Band um die Brüder Markus und Micha Acher nun auch als The Notwist: Da piepst und britzelt es in die Nebenstrecken-Eisenbahn-Melancholie hinein, da mündet eine störrische Ballade in eine Andeutung von Dub, da hört man Streicher, Bläser, ja sogar ein Banjo. Sehr eklektisch all das, und prinzipiell eindrucksvoll: In keiner der vielen Hymnen über das neue Notwist-Album "Neon Golden" wurde vergessen, die Offenheit, die mutigen stilistischen Grenzüberschreitungen zu loben. Endlich eine Gitarrenband, für die man sich nicht ob ihrer Dumpfheit schämen muß! Gesamtpop mit Club-Berechtigung, wie er 2002 wohl zu klingen hat. Oder?
Raunen und Raunzen
Leider sind die Konstruktionen der Notwist nur selten zwingend, hat man kaum je das Gefühl, das tolle Popmusik ausmacht: daß hier etwas einfach passieren muß. Die Grundstimmung ist das Raunen und Raunzen aus den "Alternative-Rock"-Tagen geblieben, dieses "Wir müssen halt weiter, auch wenn wir lieber sitzenbleiben würden", das Bands wie Dinosaur Jr. so schwer erträglich machte. "We will never leave this room", heißt es trotzig in einem Song - und das meint wohl den Proberaum, in dem getüftelt und gebastelt wird, bis alle das Ergebnis unterschreiben.
"Fail with consequence" singt der immer irgendwie rührend intonierende Markus Acher in einem anderen Stück: Wenn es das wäre, das konsequente Scheitern! Aber dafür sind sie ja viel zu gut. Und, nach dem mitternächtlichen Konzert im Flex darf man das sagen, zu fad.