"Merzbow" in der Kunsthalle Wien: Der Japaner Masami Akita sorgt für 70 Stunden Störgeräusche. Ein ausufernder Abschied von einem Extremum der Musik.
Lärm kann wunderbar sein. Sein Einsatz hat für großartige Augenblicke der Popmusik gesorgt - vom gewaltigen Feedback in "My Generation" bis zu Werken der "Jesus And Mary Chain", wo sich ein Dröhnen wie von abertausend Staubsaugern in die Song-Szenerie senkte.
Lärm kann grausam sein. Das weiß jeder, den das Leben auf oder neben eine Baustelle gestellt hat (von "Bob the Builder" einmal abgesehen).
Lärm kann aber auch belanglos sein. Etwa, wenn ein Konzeptkünstler sich das Konzept geschmiedet hat, die Welt des akustischen Terrors "auszuloten", wie man in solchen Fällen sagt. Wenn noch der kindische Anspruch dazu kommt, jetzt aber wirklich "an die Grenzen zu gehen", ein für allemal zu zeigen, was man doch für ein extremer Kerl ist: Rekord!
Masami Akita widmet sich seinem Anliegen seit über zwei Jahrzehnten. Man hat ihn einst mit elektrischer Gitarre und auch schon unter dem Signet "Merzbow" sehr bemüht und vor allem langwierig lärmen gehört, heute setzt er nur mehr diverse elektronische Kasterln ein. Bei der Live-Eröffnung der 70 Stunden andauernden "continuous listening session" in der Kunsthalle Wien am Donnerstag wirkte er hinter diesen eher freudlos, aber das kann täuschen, schließlich trägt man im Land der Konzeptkunst gern ausdruckslose Gesichter. Daß die Musik ebenso ausdruckslos war, müßte gar nicht erwähnt werden, das ist ja Programm.
"Rezeptionsvermögen"
Und das Publikum, dessen "guter Geschmack" und "Rezeptionsvermögen" ja laut Pressetext attackiert werden sollte? Manche fanden Futter fürs Hirn in den wundersamen Installationen der Yayoi Kusama: Im Rahmen von deren Ausstellung findet die "Merzbow"-Beschallung statt - das Motiv für diese Kombination dürfte sein, daß beide Künstler aus Japan kommen.
Es sei denn, man bemüht die Phrasen von der "Meditation", zu der einem Musik ohne zeitliche Rahmen angeblich verhelfen soll. In Wahrheit ist es nur die Langeweile, die den leeren Kopf verzweifeln läßt. Keine Spur vom Unterbewußtsein, das Akita, der ein wenig Jung gelesen haben dürfte, gern anführt, wenn er behauptet, seine Kunst habe mit Surrealismus zu tun.
Vor zehn Jahren, als auch ein Zbigniew Karkowski die Ohren eines willigen Publikums strapazieren konnte, hätte derlei Wortgaukelei vielleicht noch einen gewissen Reiz gehabt. Heute ist es einfach eine letzte, mühselige Anstrengung. Und wie bei jeder ausgereizten Kunstrichtung kommt am Ende die Selbstironie: In der Kunsthalle sucht man "Marathon-HörerInnen" - unter dem Motto "Wer hat die ausdauerndsten Hörmuskeln?" Wer kann einen Regenwurm essen? Dieser beliebte alte Wettbewerb böte sich als Ergänzung an.