Pop

Wenn den Boss das Blut ruft

Bruce Springsteen versucht sich auf seinem neuen Album "The Rising" mit seiner alten Band an abstrakter Heimatdichtung.

"Die Stiege hinauf, hinein ins Feuer, ich brauche deinen Kuß, aber Liebe und Pflicht riefen dich hinauf": Ja, so kann das klingen, wenn ein amerikanischer Patriot ein Lied für Feuerwehrleute schreibt. Nicht irgendwelche natürlich, sondern jene, die sich in den Rettungs- und Aufräumarbeiten nach dem 11. September in New York bewährten.

Für Bruce Springsteen, geboren in Freehold, New Jersey, war in seiner Kindheit die Skyline Manhattans wohl die erste Silhouette der Freiheit, das Urbild des "Promised Land", das er später so gewaltig besingen sollte. So glaubt man ihm - im Gegensatz zum Großteil der Rockstar-Garde, die nach dem Anschlag eilfertig ihr New Yorker Herz entdeckte - tatsächlich so etwas wie persönliche Betroffenheit, ein Ringen nach Worten angesichts der Trümmer.

"My City of Ruins": Dieser Song, erstmals präsentiert beim "Tribute-to-Heroes"-Benefizkonzert, war mehr als das, nämlich ein Gebet - um "Kraft, Glauben, Liebe". Ein Gospelsong also, und kein schlechter.

Inzwischen hat sich Springsteen, 52, wohl gut überlegt, was er als amerikanischer Held, als "Boss" aller "Springsteeners", als bewährter Trotz-allem-Patriot, als Verfasser einer oft als Hymne (miß)verstandenen Antihymne ("Born In The USA"), jetzt noch zur Causa prima zu sagen hat. Wie ein kluger Schulbub, der weiß, daß Gedichte zum Tag der Fahne meist peinlich klingen, hat er sich zum Raunen entschlossen: Der große romantische Realist des amerikanischen Songs, der Mann, der in seinen besten Momenten die "Badlands" mit ihrer Adresse nannte, hat den Realismus über Bord geworfen - sieben Jahre nach seiner Platte "The Ghost of Tom Joad", auf der es ihm gelang, Motive aus Steinbecks "Früchte des Zorns" glaubhaft in heutige Arbeitsimmigranten-Schicksale zu transferieren.

"Ich höre Blut meines Blutes, das aus dem Boden ruft", heißt es nun in "Empty Sky". Das mag an die Geschichte von Kain und Abel erinnern (die Springsteen schon zum Song "Adam Raised A Cain" inspirierte), bleibt aber Blut und Boden. Dann kommt der Baum des Guten und der Baum des Bösen (jener der Erkenntnis fehlt), bald darauf "eine schwarze Schlange vor dem heiligen Kreuz", von Liebe, Glaube und Hoffnung in allen Kombinationen ganz zu schweigen: Springsteen tendierte immer schon zum Laienprediger, aber diesmal trägt er gar dick auf.

Mit ein wenig Mühe kann man aus einigen Texten gestiegenes Verlangen nach Seßhaftigkeit lesen oder Angst vor einem einsamen Lebensherbst - doch auch das bleibt verschwommen wie der Rock der "E-Street Band", die Springsteen erstmals seit "Born In The USA" wieder auf Platte begleitet. Diese wohl überschätzteste Formation der Rockgeschichte klingt behäbig und überladen (Motto: eine Lage Keyboards geht immer noch) wie einst; nur wenn das Schleppen Prinzip wird, wie im düsteren "Further On (Up The Road)", paßt das gut.

In diesem Song ist die Straße dunkel, die Nacht ist kalt, und ein Fieber brennt in der Seele des Helden. Vielleicht kann man dergleichen immer wieder hören und dazu eine Träne ins Bier fallen lassen. Vielleicht aber zahlt man besser und geht. Hinaus in die "Badlands".

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