Roger Waters nahm bei einem dreistündigen Konzert in Wiesen ausführlich seine Rechte am Pink-Floyd-OEuvre wahr.
Die Nadel auf ihr, drehte sich eine Schallplatte auf der Videoleinwand im Festzelt von Wiesen: "Dark Side Of The Moon", mit 25 Millionen verkauften Stück unter den kommerziell erfolgreichsten Pop-Produkten. Dann wandelte sich die Platte in eine Münze, in viele Münzen - zum Song "Money", in dem die Macht des Geldes beklagt wird. Das war, man hat es verstanden, Selbstironie, bitter womöglich.
Roger Waters, bis 1984 Mitglied von Pink Floyd, liebt es, sich in Selbstironie zu zerknirschen. Seit er sich einen Star und einiges Vermögen sein eigen nennen darf, vielleicht sogar schon länger, hadert er mit diesem Schicksal und teilt das der Welt mit. In epischen Formaten, am liebsten zu schweren Rhythmen und unter Begleitung eines üppigen Chors. "It all makes perfect sense, expressed in dollars and cents" brüllt dieser in seinem Song "Perfect Sense" wieder und wieder: Mit gröberem Holzhammer ist Kapitalismuskritik zumindest in der Popmusik nie vorgebracht worden.
Die Erfolgsformel von Pink Floyd war es, daß diese Ambitionen Waters' gemildert wurden durch einen Rest von psychedelischem Irrwitz, den der eigentliche Gründer der Band, der in den frühen siebziger Jahren dem Wahnsinn verfallene Syd Barrett, eingebracht hatte. Und von der lauteren Lust an Weltraumphantasien, an der reinen Architektur der Klänge, an simplen und doch majestätischen Spannungsbögen.
Das frühe Pink-Floyd-Stück "Set The Controls For The Heart Of The Sun" etwa lebt davon, daß aus Chaos ein naiver Sonnenhymnus geboren wird und wieder versiegt. In der Version, die Waters in Wiesen aufführte, war vom Chaos nichts mehr zu hören, dafür schmiegte sich ein Saxophon ans Ohr. Es blieb ein nicht nur trivialer, sondern auch banaler Song.
Kindliche Inbrunst
Ansonsten kann man Waters mangelnde Werktreue nicht vorwerfen: Seine zehnköpfige Band spielte fast die gesamte Platte "Wish You Were Here" bis in die kleinsten Effekte detailgetreu, vielleicht mit etwas zu scharfer Sologitarre und allzu behäbigem Schlagzeug. Diese Stücke - die meisten sehnsuchtsvolle Erinnerungen an Band-Vater Syd Barrett - verfehlten in Wiesen ihre Wirkung nicht in ihrer unschuldigen Sentimentalität, im himmelstürmerischen Pathos, mit der dem "Crazy Diamond" gehuldigt wird. Dieser schien und funkelte, vor Sternen, wie es sich gehört.
"Dark Side Of The Moon" dagegen, der erste Versuch Waters', alle Übel der Zivilisation in eine Nußschale zu packen, wirkte nach 30 Jahren doch gar plakativ. Obwohl: Wenn dann das irre Lachen in "Brain Damage" kommt und es auf die "Eclipse" zugeht, in der die dunkle Seite des Mondes sich über all das Leiden der Welt schiebt - wer kann der kindlichen Inbrunst dieser Inszenierung widerstehen?
Zumindest all jene Besucher, die sich diese Songs in ihrer Jugend im Audio-Center und bei Kellerparties ins Hirn massiert haben, konnten und wollten gar nicht widerstehen. So war es auch ein Abend der Erinnerungen: an die melodramatischen Jahre des Lebens, an die Pubertät. Sehr vielen haben Pink Floyd diese Jahre begleitet, und nicht zuletzt dafür dankten sie Roger Waters.