Pop

Wo waren wir, als Elvis starb?

Vor 25 Jahren ist Elvis Presley gestorben, konstitutioneller Monarch des Pop. Ein Blick nach Graceland? Es gehört sich so.

"Wo warst du, als Elvis starb?" So überschrieb US-Popkritiker Lester Bangs vor einem Vierteljahrhundert einen klugen Nachruf auf Elvis Presley. Von der "Erektion des Herzens" bei einem Auftritt des "King" war die Rede, von kollektiver Hysterie, von lächerlichen Gürtelschnallen und schließlich vom schalen Triumph des "Solipsismus", vom Verlust der (wenigstens halluzinierten) Einheit der Popkultur. Fazit: "Wir werden nie mehr so sehr einer Meinung sein, wie wir über Elvis einer Meinung waren."

Elvis Aron Presley wurde am 16. August nach einer weniger akuten als chronischen Medikamentenvergiftung auf dem Boden in seinem Badezimmer in Graceland tot gefunden - 1977, in einem der magischen Jahre, an denen sich die Popgeschichte spiegeln läßt. Vorher modern, nachher postmodern, zum Beispiel. "1977" nannte sich ein Song der Punkband "The Clash". Darin hieß es: "No Elvis, Beatles or the Rolling Stones in 1977". Das war vor der Todesmeldung.

Wo war der Pop, als Elvis starb? Weit weg. Der aufgedunsene Mann in seinen absurden Glitzertrachten war längst - via Las Vegas! - zur Karikatur seiner selbst geworden - und wenn er nicht gestorben wäre, hätte sich Bangs weder auf seine kordialen Zustände besonnen noch auf die angebliche Einigkeit, in der man sich vor dem Bild Presleys finden konnte. Der trotzige Spruch "Elvis lebt" war damals schon ein mittelmäßig origineller Werbeslogan, der seine Wirkung daraus bezog, daß "Elvis" ein Anagramm von "lives" ist.

Und doch: Unter den zornigen jungen Männern, die sich 1977, im Zug des Punk und der New Wave, vorstellten, war auch einer, der dies unter dem Namen Elvis tat: Der Londoner Declan McManus versicherte zumindest anfangs, er heiße wirklich Elvis Costello. In den achtziger Jahren nannte sich eine parodistische Rockabilly-Band aus Detroit "Elvis Hitler", deutlich geschmackvoller heißt heute eine slowenische Gruppe "Elvis Jackson".

Michael Jacksons wohl letzte erfolgreiche PR-Aktion war seine Ehe mit Lisa Marie, der Tochter Elvis Presleys. "King of Pop" nannte ihn aber davor und danach nur seine Plattenfirma, der Titel war schon vergeben - an Elvis. Von Bob Dylan bis Madonna, von Bruce Springsteen bis Bono Vox: Von jedem Großen des Pop ist eine Huldigung an Elvis Presley überliefert. Und 100.000 Elvis-Imitatoren können sich nicht irren.

Trotz und Abgrenzung

Ein konstitutioneller Monarch? Eine Legende als Lippenbekenntnis? Auch das. Aber dann wieder eine Ahnung davon, was es 1956 hieß, wenn dieser Ex-Lastkraftwagenfahrer mit Hüftschwung "Let's rock!" rief, sich den Mädchen als "Teddy Bear" anbot - und sich ausbat, man möge nicht auf seine "Blue Suede Shoes" steigen. Trotz, Abgrenzung, Definition - dessen, was man später "Jugendkultur" nennen sollte und heute einer der ödesten Geschäftszweige des globalen Marktes ist.

Warum es gerade Elvis Presley wurde? Weil er da war in Memphis, als die Zeit reif war, "schwarze" und "weiße" Musik für diese gerade eröffnete Branche zu einem Monster namens Rock'n'Roll zu fusionieren. Weil Bill Haley zu steif wirkte, Buddy Holly zu streberhaft und Little Richard zu überspannt. Weil der Muttersohn aus Tupelo so amerikanisch war, so schön melancholische Augen hatte und weil man ihm die richtigen Songs gab. Ja, und weil er sie richtig sang, mit schweren Lippen und schwer lastenden Pausen. Man höre "Heartbreak Hotel" in der Version von Elvis und, zum Vergleich, in der dagegen bemühten, mittelschülerhaften Interpretation von John Cale. Dann noch einmal von Elvis - wie er, in dieser von jähen Salven der Gitarre durchzuckten Schmerzattacke, die Liaison von "lonely" ins "I could die" schwingen läßt. Alles klar?

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