Pop

Traurige Erinnerung: Als Jazz noch cool war

Herbie Hancock und Wayne Shorter gaben sich beim Jazzfest Wien in der Staatsoper betont traditionalistisch.

Der Chorus ist vollendet, alles gesagt, alles ausgedrückt: Nun zieht sich, während Applaus aufbrandet und der nächste bereits anhebt, der Solist an den Bühnenrand zurück, um sich dort die Brille zu richten, am Ohr zu kratzen oder lässig mit den Beinen zu wippen. Die Coolness, zu der Jazz fähig war (und ist?) wird in diesen Momenten am schönsten augenfällig. Eben erst mit aller Inbrunst sich selbst und die Welt erklärt - und jetzt wieder still, stumm, allein, Zuhörer.

Am stilsichersten inszeniert wurden diese Momente in den Combos des Cool Jazz und Hard Bop, in der Jazz-Ära, in der man sich gern auf das simpelste aller Strukturprinzipien zurückzog: Unisono-Solo-Solo-Solo-Unisono. Das erste Miles-Davis-Quintett - mit dem noch nicht in den Freejazz aufgebrochenen John Coltrane - war besonders konsequent darin. Und besonders cool. Wenn sich Herbie Hancock bei seinem Wiener Auftritt nun programmatisch an Miles Davis und John Coltrane erinnern wollte, dann galt seine Erinnerung mehr diesem Quintett als dem zweiten, bei dem er selbst mitgewirkt hat.

Coolness also - zumindest die Erinnerung daran. Aber Coolness heißt immer auch Strenge, Verzicht auf Überflüssiges. Und dazu waren die Musiker nicht immer willens. Michael Breckers langer Saxophon-Exkurs etwa: War er wirklich viel mehr als der Beweis von langem Atem? Hatten Coltranes "sheets of sound" einst nicht viel mehr innere Logik? Gut, Schlagzeuger Willie Jones hat alle Tony-Williams-Tricks auf Lager, aber waren seine Soli wirklich konzis? Mußte Hancock, einst für seine Sparsamkeit berühmt, so emsig Töne produzieren? Und "Impressions" und "So What" in eine Nußschale zu packen: War das nicht eher eine Fleißaufgabe als eine logische Folgerung aus dem Geist der Kompositionen?

Am ehesten verströmte noch Roy Hargroves Trompete die in der "Birth of the Cool" entsprungene, von Miles Davis bis zum Schluß gepflegte edle Trauer. An diesem Abend meinte man auch die Wehmut darüber herauszuhören, daß Konservierung seiner selbst seit vielen Jahren das ist, worauf sich der Jazz am besten versteht.

Alles können, nichts wollen

Deutlich weniger strukturkonservativ gab sich davor die Wayne Shorter Group. Bei ihr durfte keine Ballade eine Ballade bleiben, kein Ausbruch, der nicht sogleich quasi beschwichtigend konterkariert wurde, keine Tiefe, die nicht sofort neckisch kommentiert. Perfekter postmoderner Jazz, der alles kann, alles erlebt und verarbeitet hat, aber eigentlich nichts mehr will. Mit einem Pianisten, der in Keith-Jarrett-Manier eifrig darauf bedacht war, alles Grobe zu glätten, zu umspielen - hin zu einer endlosen Suite der Möglichkeiten. Selbst Wayne Shorter, es ist schlimm zu sagen, wirkte stellenweise manieriert an diesem schönen, traurigen Abend.

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