"Supercity Soundsystem" im Wiener WUK: ein glanzvoller Feierabend des österreichischen Hiphop.
"Ihr seid noch mit uns, oder?" So bescheiden variiert selten ein Rapper das alte Hiphop-Spiel vom house, in dem man down miteinander ist und das einander ein übers andere Mal kundtut. Dieser feine, man möchte fast sagen: wienerische - Umgangston dominierte einen Abend im prall gefüllten Großen Saal des Wiener WUK, der an sich gar keinen Anlaß zur Bescheidenheit bot.
Denn das "Supercity Soundsystem" ist so etwas wie ein All- Star-Ensemble einer wesentlichen Fraktion des österreichischen Hiphop. Es besteht - die vielen nicht Erwähnten mögen verzeihen - primär aus den Waxolutionists, wahren Meistern der virtuos bedienten Plattenspieler und der Mischung von Sounds, und der altgedienten Rap-Crew Total Chaos.
Beide haben dieser Tage neue Platten im Handel ("Plastic People" und "Worte und Beats"), beide zeichnen sich durch Subtilität und Verzicht auf unreflektierte Hiphop-Attitüden aus. Auch das vorsätzlich Spaßige, Kabarettistische, das den Hiphop aus Deutschland oft so schwer erträglich macht, fehlt ihnen. Keine Kinderzimmerreime, kein "Beweg' deinen Hintern"-Gefasel. Und keine Pseudo-suburbs. Statt dessen Vorstadtbilder aus den Augen melancholisch grundierter, doch euphorischer Nachtschwärmer: "Welt, wach auf, du schaust müde aus!"
"Nachtschattengewächs", so nannte sich der atmosphärische Erfolgstitel, den die Waxolutionists gemeinsam mit dem Total-Chaos-Rapper Manuva aufnahmen: "Du spürst den flow" hieß es darin, und das war keine simple Übernahme eines Genre-Vokabels.
Der Fluß, das Klavier
Es ist wirklich ein ganz eigener Fluß, zart getrieben durch ein - von "The Bionic Kid" gespieltes - perlendes E-Piano, wie man es sonst eher in der Cocktail-Jazz-Abteilung hört, einen wendigen bis lyrischen Baß. Doch bei den Waxos wirken die jazzigen Klänge nie geschmäcklerisch: Wahrscheinlich sind sie zu jung, um überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, daß Jazz mitunter verflucht öd sein kann.
Auch im zentralen Stück "Supercity" gibt Manuva den nächtlichen Schwärmer, davor darf ein Herr namens Thaistylee in bester Jamaika-Tradition toasten und der Rapper Skaraab sich als "citywarrior" gerieren. Daß eine Collage aus so verschiedenen styles nicht aufgesetzt, nicht konstruiert wirkt, auch das ist eine Kunst. Aber die Waxolutionists schaffen es ja sogar, einen Text zur Musiktheorie als Unterlage für sprudelnde Musik zu verwenden ("Freifach Musik").
Auch live im WUK, in einem Auftritt von über zwei Stunden, brachen die Rhythmen jäh, wechselten die Richtungen und Stimmungen fortwährend, ohne daß das Publikum sich aus seiner Begeisterung reißen ließ. Diese wurde ohne Old-School-Kasperltheater à la "Ich will eure Hände sehen" oder "Wie laut könnt ihr sein?" entfacht - und gloste auch in ruhigen Momenten.
In einem getragenen Rap Manuvas etwa, in dem er wieder und wieder mit bitterer Ironie konstatiert: "Wir Menschen können eines von uns behaupten - wir waren auf dem Mond." Dagegen setzt er Sätze, die um ein Haar nicht altklug oder bieder klingen, wie: "Wir leben in einer Welt, in der Fußballspieler mehr bezahlt bekommen als unsere Lehrer."
Und dann wurde es wieder Nacht in unserer Stadt. Davor noch ein ausgedehntes, glühendes Freestyle-Showdown aller residents und Gäste, darunter die deutsche Partie Blumentopf, in dem die Worte rasten und - bei allen üblichen Insider-Anspielungen - nicht halbironisch geprotzt und nicht krampfhaft gedisst, also die Konkurrenz verspottet wurde. Bei aller Treue zu den Wurzeln einer über zwei Jahrzehnte alten, grundsätzlich traditionalistischen Kunstform: Auf solche Versatzstücke können diese jungen Meister verzichten. Alles okay im Hause Hiphop.