Richard Ashcroft rettete im Gasometer in Wien-Erdberg die Ehre des britischen Pop.
Robbie Williams mit einer Grimassen-Kollektion in Wien bei Thomas Gottschalk, Liam Gallagher nach einer Rauferei in München ohne Schneidezähne: harte Zeiten für den britischen Pop, dessen Coolness ja stets auch dadurch definiert war, daß man seinem Gesicht nicht ohne zwingende Notwendigkeit mimische Leistungen abverlangt. Und natürlich unverletzlich ist, insonderheit im Gebiß.
Coolness la Vereinigtes Königreich heißt freilich nicht, auf Weichherzigkeit zu verzichten oder auf Sentimentalität: Strenge Rührung zeigten schon die Urahnen, die Rolling Stones angesichts spielender Kinder ("As Tears Go By") oder des Dämons Leben an und für sich. Hier folgt ihnen Richard Ashcroft, laut eigener Aussage durch Ansicht eines Stones-Videos (Jumpin' Jack Flash") zum Popstar sozialisiert ("Das sah einfach nach lange aufbleiben und nie wieder arbeiten aus!"), sehr geschickt.
Selbst Britpop-Verweigerer kennen die "Bittersweet Symphony" seiner Ex-Band "The Verve": Aufgebaut ist sie auf einem Sample einer orchestralen Bearbeitung von "The Last Time". Da wie dort: eine Landschaft des Überdrußes, der längst gekosteten und für schal befundenen Exzesse, durch die der Protagonist blassen Gesichts wandelt, große Gefühle abwägend, vielleicht an Blumen zupfend. Lord Byron und Oscar Wilde hätten ihre Freude daran. Der legendäre Stones-Manager Andrew Oldham sowieso.
Das klingt spöttischer, als es gemeint ist: Natürlich hat Ashcroft, übrigens ein sehr gebildeter Mensch, bei aller Tändelei Tiefe. Und man muß ihm hoch anrechnen, daß er selbst in spirituell angehauchten Songs wie "Check The Meaning" nie esoterisch wird: ein Agnostiker auf der Suche, begleitet von diesen sehnsüchtigen Streichern, die ihm nie laut genug sein können. Wie einst Phil Spector liebt es Ashcroft, die Klänge zu türmen, einander im Jubel und im Schmerz übertrumpfen zu lassen, bis nichts mehr hervorsticht aus einer inbrünstigen Suppe.
Die Halle hielt kaum stand
War die akustisch grauenhafte Halle im Wiener Gasometer dieser Inbrunst gewachsen? Nein, aber welche Halle wäre das? Wenn doch nicht einmal die Stimme Ashcrofts, dieser britischen Nachtigall par excellence, ihr immer gewachsen ist: In "Check The Meaning" brach sie, und das war in Ordnung so.
Ashcroft, der im Lauf des Abends ein "Paradise" durchmessen hatte, mit "Buy It In Bottles" eine der schönsten Melodien postmoderner Zeiten zelebriert vorgeführt hatte (bis in den eschatologischen Schlußsatz "Until I get there"), sich mit Anstand durch ein, zwei mittelmäßige Balladen gekämpft hatte, schloß mit der bittersüßen Symphonie, ergänzt durch ein Sly-Stone-Zitat: "Thank you for lettin' me be myself again". Noch einmal die große Pose des Künstlers, der alles (von sich) preisgibt. Wenn er auf der Bühne ein Messer in sein Herz stieße, würde das endlich das Publikum zufriedenstellen?, hat Mick Jagger einmal gefragt, in "It's Only Rock'n'Roll": Diese Rest-Ironie bleibt auch bei Ashcroft stehen. Ein großer Erbe.