Bob Dylan in der Münchner Olympiahalle: Mit seinen bald 61 Jahren ist der Meister des Songs noch immer permanent auf Tournee - und auf Heimreise, zumindest musikalisch.
"Um mich ärmer zu machen", soll Samuel Beckett auf die Frage geantwortet haben, warum er neuerdings Französisch schreibe. Auch Bob Dylans Interpretationen seiner alten Songs scheinen seit Jahren von einem Armutsgelübde bestimmt - nur wechselt er nicht in eine fremde Musiksprache, sondern in eine, die vor ihm gesprochen wurde und die gesprochen werden wird, so lange es Eisenbahnen und Tankstellen gibt. Die Sprache des Country-Blues, rauh und namenlos, der Dialekt der Männer, "that come with the dust and are gone with the wind", wie Dylan in seinem "Song To Woody" schrieb. Damals war es eine Anmaßung, heute ist es eine Heimkehr. Eine Heimkehr in Form einer endlosen Tournee, durch staubige Hallen und windige Städte.
Die ursprünglichen Melodien wirft Dylan weg, so achtlos, daß es auch Stammgästen, die seit zwei Jahrzehnten kein Dylan-Konzert in Österreich und Umgebung versäumen, manchmal wehtut. "Visions of Johanna", in denen man keinen "ghost of electricity" heulen hört, nur den Schmerz, daß am Ende nichts mehr bleibt als diese Visionen. Der "Mr. Tambourine Man" ohne jede Gaukelei, nur ein verbitterter Sprung auf die verminderte Quinte, mit dem Dylan derzeit jede Refrainzeile ausstattet - bis hin zu "Like A Rolling Stone", wo sich das Publikum die hymnisch-höhnische Melodie zu erzwingen anschickt.
Natürlich auch "It's All Over Now, Baby Blue" und "Don't Think Twice": Bryan Ferry ist an diesen beiden Songs auf seiner neuen Platte in Anstand und Eleganz gescheitert, wie man nur an Dylan-Songs scheitern kann, diesen sinnüberladenen Monstern, die einfach keine "Standards" werden wollen. Dylan selbst sucht, das kann er derzeit am besten, nach Zärtlichkeit in der Grausamkeit, nach Anklammerung im Abschied. Schon wieder diese Quint: hier stimmt sie.
Getragene Gesichter
Auch im unzerstörbaren "Stuck Inside Of Mobile With The Memphis Blues Again" und im "Subterranean Homesick Blues", dem die Band Dylans einen vertrackten Rhythmuswechsel angemessen hat. Der paßt allen: den Musikern mit der Ausstrahlung einer abgefeimten Pokerrunde, den getragenen Gesichtern, gereiften sad-eyed ladies und wicked messengers im Publikum, und auch dem Meister selbst, der an solchen Stellen zufrieden zu grinsen pflegt. Ansonsten wird's am ausgelassensten in den Songs der neuen Platte "Love And Theft": "Summer Days", "Honest With Me" - was für Reißer! Zwölf Takte, grimmige Gitarren und G'stanzl-Schmäh: Die Hunde bellen, die Hochzeitsglocken läuten, der "Southern Pacific" geht um dreiviertel zehn, und am Ende reimt sich alles.
Aktuelle Überraschung: "In The Garden", ein Song aus Dylans streng christlicher Periode - der schon deshalb stehenbleiben kann, weil er nur in Fragen formuliert ist. So wie "Blowing In The Wind", das Dylan beharrlich am Schluß spielt, als ob er beweisen wollte, daß selbst dieser Gassenhauer nicht in Selbstparodie mündet. Charlie Sexton und Larry Campbell jubilieren wie Chorknaben im Stimmbruch, Dylan gellt mittendrein und drüber - diese kleine, innige Dekonstruktion läßt noch immer jedes Lagerfeuer verlöschen. Und ist selbst längst Tradition. Der entkommt man, entkommt Dylan nicht.
Bob Dylan gibt sein einziges Österreichkonzert in dieser Saison am 23. April in der Olympiahalle Innsbruck.