Pop

Scheitern am Blues der Väter: Songs aus einem staubigen Zimmer

Red, französischer Heimwerker am zerklüfteten Blues, hat Leonard Cohens "Songs From A Room" neu eingespielt. Respekt.

Es gibt derzeit keine rückwärtsgewandtere, vergangenheit-seligere Kunstrichtung als die Popmusik. Das größte Lob für eine junge Band ist es, mit über 30 Jahre alten Platten verglichen zu werden, der Schatz an guten Songs wird wieder und wieder rezykliert, bis hin zum erbärmlichen "Tainted Love" des Marilyn Manson: die penetrant berechnende Coverversion einer genialen Coverversion.

Und da kommt ein knapp über 30 Jahre alter, dank großflächiger Stirn deutlich älter aussehender Mann aus Frankreich daher, der Olivier Lambin heißt, sich Red nennt und eine gesamte, ein Jahr nach seiner Geburt (1968) erschienene Platte Leonard Cohens nachspielt, als wäre dies das Selbstverständlichste auf der Welt. Als wären die höchst persönlichen, erlittenen "Songs From A Room" Wachs, das unter seinen Händen zu schmelzen und, vereist von neuer Trauer, neu zu erstarren hat. Welche Anmaßung! Red singt nicht nach, er memoriert, bald murmelnd, bald bellend, wie ein Schüler, der eine ihm ins Hirn gedrückte Ballade plötzlich zu verstehen beginnt, durch all den Staub hindurch.

Der Staub: Für den sorgt bei Red die Elektronik, die nie dynamisch, sondern immer statisch, stoisch ist, wie das Grammeln einer Platte, das Springen einer CD. Home-Recording, absolut: der Laptop als erweitertes Wohnzimmer. Das Piepsen vereinsamter Antennen, das Knurren leerer Eiskästen, das Pfeifen verwirrter Computerspiele. Immerhin hört man diesmal nicht wie auf seiner letzten Platte "Felk" im Hintergrund Lambins Töchter weinen und plaudern.

Sonst weint fast alles, in diesem bis ins Unerträgliche zermalmten Blues, in dem jede Note verstimmt ist, dessen Traurigkeit keinen Rest an Aufbegehren mehr kennt. "Bird On A Wire": Freiheit, was soll das sein? Nur in der "Story Of Isaac", von Cohen als Konfrontation der Generationen, als Anklage gegen die Väter, angelegt, kommt ein wenig Zorn auf - allerdings in der Tom-Waits-Variante, kunstvoll versoffen.

Auch hier wirkt Red im Grunde unpersönlich, als erfülle er, was geschrieben steht, mitunter widerwillig: Er verstümmelt Schlüsselsätze, spricht, wie's Franzosen gern tun, englische Wörter obstinat falsch aus. Der pathetische Blues der Väter: Man kann an ihm nur in vollem Bewußtsein scheitern. Demütig, zerknirscht und stolz zugleich.

Kein Zufall, daß Fritz Ostermayer, der Schattendorfer Apologet des Scheiterns, der Wiener Meister der Begeisterung, diesen Künstler gierig für sich entdeckt hat. Am liebsten würde er wohl allen Ungläubigen zwanzigmal hintereinander Reds vor Ruhe explodierende Version von Hank Williams' "I Saw The Light" vorspielen, bis alle rufen: Was für ein Puls! Welche Tiefe! Welche Schönheit! Natürlich hat er recht. Ostermayer und der derzeit in Wien seßhafte Franzose No«l Akchot© werden Red auf seiner Österreich-Tournee begleiten: Man will frei improvisieren. Die Gefahren sind groß.

Tourneedaten: 19. 3. Szene Wien, 21. 3. Jazzit Salzburg, 22. 3. Forum Stadtpark Graz, 23. 3. Alter Schlachthof Wels, 25. 3. Treibhaus Innsbruck.

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