Jovanotti und Air, haltloser Party-Funk und rührend ernsthafter Kosmos-Pop: Beim "Jazzfest" in Wiesen regiert auch heuer der praktische Pop-Pluralismus.
Spielt diese funky Musik! Gebt dem Frieden eine Chance! Letzte Nacht hat ein DJ mein Leben gerettet! Wir sind eine Familie! Slogans, auf die sich mittlerweile drei Generationen einigen können. Besonders an einem schönen, friedlichen, regenfreien Nachmittag im Burgenland. Besonders dann, wenn der nicht mehr ganz junge Mann, der sie vorträgt, aussieht wie der archetypische Verkäufer indischer Schals und sich bewegt wie eine ganze Selbsterfahrungsgruppe.
Jovanotti heißt der Wirrbärtige und will eine Party feiern, wo immer man ihm auch ein Zelt aufstellt. Die italienische, geschmackssichere Variante unseres DJ Ötzi: Er schlägt sogar eine Brücke zwischen Ö3- und FM4-Hörern, man mag über seinen wilden Eklektizismus - bis hin zum angedeuteten Cockney-Akzent in Punk-Exkursionen - lächeln, über die gräßlichen Soli, die er seinem Gitarristen gestattet, schimpfen - aber kann man ihm böse sein? Natürlich nicht. Gelebte Toleranz also, Freud' an der Freude: Jovanotti wurde gefeiert und umjubelt.
Mußte Air, dieses rührend ernste Retro-Ensemble aus Frankreich, nach diesem Exzeß an guter Laune nicht völlig untergehen? Keineswegs. Allem Gerede von den ach so zersplitterten Stämmen der Popkultur zum Trotz: So selbstverständlich wie in Wiesen sudanesische Hausmannskost gleich neben burgenländischem Soul food (Feuerfleck und Bohnenstrudel) verzehrt wird, so selbstverständlich freut man sich nach einem ausgelassenen Hiphop-Hupfauf auf Versenkung la Jeunesse astronomique.
Gewiß, auch über Air läßt sich schmunzeln: Wenn sie in kühner Kraftwerk-Adaption und mit vollem Vocoder-Einsatz "We are the synchronizers" schmachten, wirkt das eher herzig als andächtig. Genauso wie der "Sexy Boy", aber der soll ja so wirken. Und immer wenn die Sache gar zu sphärisch und unentschlossen wird, kommt dieser rastlose Baß, nervös wie ein testosterongesteuerter Jüngling: der pubertäre Griff nach den Sternen, zu geladen, um bedächtigen Groove zu verströmen! Pink Floyd, um auf die allgegenwärtige Assoziation einzugehen, waren auch einmal jung - und besser. Und was soll so schlecht daran sein, wenn Synthesizer klingen wie Synthesizer? Daß die übermächtige Vergangenheit alle Spielarten des Pop überschattet, daran muß man sich wohl endlich gewöhnen.
Auch Morcheeba aus Großbritannien, die rund um Mitternacht fesselten, sind im guten Sinn traditionell: eine Bluesband mit modernen Mitteln wie einem - bis zur Unauffälligkeit subtil eingesetzten - Plattenteller. Vor allem mit einer großen Sängerin: Skye Edwards hat es nicht nötig, mit Gefühlen zu kokettieren, sie drückt sie aus, innig und souverän. Und sie scheut auch Widersprüche nicht: "Rock'n'roll music's a thing of the past" heißt es da genauso wie "I'm a trigger hippie". Den Finger am Abzug, hier und jetzt, mit Jahrzehnten Blues-Geschichte im Rücken: ein Erlebnis.