Charles Lloyds stille Intensität und Deodatos kulinarischer Bigband-Jazzfunk lockten das Publikum in der Staatsoper an interessante Ränder des Jazz.
Der erste visuelle Eindruck von Charles Lloyd, eine Aura von stiller Eleganz und sanfter Strenge, bestimmte unmittelbar die Rezeption. Und dann die wehe Schönheit der aus seinem Tenorsaxophon entweichenden, vibrierenden Luftsäulen, die den Traum der Unsterblichkeit mitschwingen ließ! Sie hielt selbst Schlagzeuger Billy Hart dazu an, am melodischen Ganzen mitzuzaubern. Konterkariert von der glühenden Gitarre John Abercrombies und einem sachte strukturierenden Baß begab sich Lloyds unnachahmliches, an Coleman Hawkins und John Coltrane geschultes Spiel unmittelbar in die lichten Höhen des Spiritual Jazz, einer Musik, die einen in sich sinngesättigten Kosmos darstellt.
1938 in Memphis geboren, begann Lloyd mit Blues: in den Formationen von Bobby Bland und B. B. King. Obwohl er sich bald eine große stilistische Breite erspielte - vom Free Jazz bis zum Rock -, blieb der Blues in sehr sublimierter Form ein konstituierendes Element seiner Musik.
Gebet, Meditation
Auch aus den an diesem Abend gebrachten Stücken aus den Alben "The Water Is Wide" und "Hyperion With Higgins" hörte man die gebrochenen, majestätischen Echos der verblichenen Stimmen Billie Holidays und Robert Johnsons. Allerdings reicht die Kraft des Trostes bei Lloyd klar über das Irdische hinaus. Die Intensität seines Spiels nährt sich an der Zwiesprache mit seinem "Inner self", so Lloyd. Suche nach einer höheren Wahrheit, Gebet, Meditation - diese Musik ist all dies und noch mehr: eine akustische Reise ans Ende der Nacht der irdischen Existenz, die eine Ahnung davon gibt, daß der Tod dereinst wie das Ausknipsen der Nachtkästchenlampe im Morgenlicht sein wird.
So war dann auch der Geist des verstorbenen Billy Higgins, Freund und in den letzten Jahren auch musikalischer Weggefährte von Lloyd, schon gegenwärtig, bevor ihm noch als Zugabe ein alles Tragische transzendierendes, musikalisches Gebet zugeeignet wurde.
Während ein Teil des Publikums hinter dem Schirm von Lloyds Kunst partout nicht Schutz suchen wollte und sie vorzeitig verließ, so war dann ein anderer Teil nicht in die offenen Landstriche von Eumir Deodatos brillantem Mix aus sublimem Jazzfunk, luftigem Brasil und wuchtiger Klassik-Adaption zu locken. Während auf der Galerie ausgelassen getanzt wurde, zeigten sich Teile des Parketts pikiert und verließen das Haus naserümpfend.
Da fragte man sich schon, warum es für manche Wiener offensichtlich problematisch ist, sich der Verschiedenheit musikalischer Ästhetiken zu erfreuen. Ging nun Lloyds spirituelle Reise zu tief, war Deodatos leichtfüßiger Vortrag zu lebensfroh? Nun, das focht die aus großen Charakteren wie dem souverän aufspielenden Gitarristen Bruce Gatewood bestehende, mit zwei Österreichern aufgestockte Zehn-Mann-Band des bescheidenen Brasilianers Deodato nicht an.
Zurück mit "2001"
Der ehemalige Superstar, der heute noch mitmischt, u. a. als Arrangeur von Björk, freute sich sehr, daß die österreichischen Kräfte, Thomas Barth am Synthesizer und Manfred Holzhacker an der Trompete, souverän mitwirkten. Gemeinsam begab man sich in die wunderbaren Cinemascope-Arrangements von Klassikern wie "Rhapsody In Blue", "Spirit Of Summer" und "Whirlwinds".
Der schimmernde Glanz von "San Juan Sunset" führte ebenso wie der Disco-Funk-Klassiker "Superstrut", das brasilianisch angehauchte "Skyscrapers" und eine deftige Version des Led-Zeppelin-Stücks "Black Dog" ins Herz der siebziger Jahre, als der brasilianische Arrangeur und Komponist von den USA aus Welterfolge lancierte.
Am Ende gab es noch eine dynamische Version von Richard Strauss' "Also sprach Zarathustra", das vor nun schon fast 30 Jahren als progressiv tönendes "2001" erfreute. Nun ging auch das Publikum im Parkett aus sich heraus und tanzte munter auch noch zum extensiv zelebrierten Steely-Dan-Hit "Do It Again". Comeback des Jahres!