Coldplay, derzeit die erfolgreichste Pop-Band aus England, spielte in München: eine freundliche, verbindliche Vorstellung.
Sein größtes Talent? "Ruhe bewahren." Ansonsten bekennt sich der sympathische Jonny Buckland, kein Freund des großen Wortes, im Interview zu seiner Vorliebe für Paradeiser, Moby Dick und Bob-Dylan-Platten. Er liebt auch Hunde und spielt mit Freude Gitarre. Das ist auch gut so, denn davon lebt der heute 24jährige - nach Abschluß eines offenbar eher leidenschaftslos absolvierten Mathematik- und Astronomie-Studiums, seit 2000, seit seine Band Coldplay ungewöhnlich jäh in die erste Liga des britischen Pop aufgestiegen ist, der wichtigsten Exportbranche Großbritanniens also.
Seit Tony Blair kurz nach seinem ersten Amtsantritt klar dargestellt hat, wie wichtig Pop für "das Land" ist, seit die Euphorie zu elektrischen Gitarren also quasi von der Obrigkeit (zumindest mit aufmunternden Worten) gefördert wird, will sie sich nicht mehr so recht einstellen bei den Jungen, die Euphorie. Nur (auch schon) ältere Herren wie Richard Ashcroft (von The Verve) geben sich dem Jubel in Songform hin, und sogar Oasis klingen bei aller Rüpelei irgendwie grantig.
Eine gute Zeit für vier junge Londoner, denen Euphorie ohnehin nicht so nahe ist, die sich viel mehr darauf verstehen, in Wort, Melodie und Rhythmus nett zu sein. Nett und verbindlich. So verbindlich, daß vielen das Herz aufgeht, zumindest beinahe. Auch in einer akustisch eher tiefen post-industriellen Halle namens "Zenith" in München.
Worüber singt er denn?
Die Begeisterung, die Coldplay dort auslösten, war eher beschaulich als aufgeregt. Inwendig sozusagen. Und mit Maß und Ziel. Selbst wenn Coldplay einmal mit Nachdruck pathetisch sind, dann wirkt das nur halb so wild, wie ein Bono Vox, der seinen Predigttext vergessen hat und darob ein wenig verlegen ist.
Die Texte von Coldplay-Sänger Chris Martin sind dabei, wertfrei gesprochen, zum Vergessen. Da gesteht ein "Scientist", daß der Fortschritt "nicht so laut spricht wie mein Herz", da sieht ein anderer "zu meiner Überraschung und Freude einen Sonnenaufgang", da gehen auch sonst oft die Lichter an, in Worten wie auch auf der Bühne, die Sterne strahlen sowieso. Egal. Solange das Klavier die Viertel durchschlägt, verläuft die Erleuchtung in geordneten Bahnen. Was, etwa in "God Put A Smile Upon Your Face", sehr schön sein kann. Und wenn's dann wieder düsterer wird, kommt's auch nicht wirklich schlimm, dann klingen Coldplay wie die magen- und herzschonende Variante von Radiohead. Man trägt halt gedeckte Farben.
Auffällig ist das durchgehend gemäßigte Tempo - wie überhaupt der britische Pop seit 1977 kontinuierlich langsamer zu werden scheint. Wieso nicht mehr Schläge pro Minute, Jonny Buckland? "Es ist leichter, langsame Songs zu schreiben." Besonders, wenn vier Musiker eine besondere Gabe vor allen anderen auszeichnet: Ruhe bewahren. Keine schlechte Band, nein.