Pop

Bahn frei: Es rollt ein Beat nach Nirgendwo

Die Sofa Surfers starteten in Graz ihre Europatournee - und erwiesen sich abermals als die beste Rhythmusgruppe des Landes. Nicht weniger, nicht mehr.

Gerade noch haben Buchstaben die Videoprojektionsfläche in der Grazer "General Musik Direktion" Halle bestimmt: typographische Wuseleien, auf die sich Timo Novotny, Videokünstler für die Sofa Surfers, bestens versteht. Jetzt fährt eine Eisenbahn durchs Bild, zerrissen und zerhackt. Dazu rollt ein Beat, den die Sofa Surfers beherrschen wie sonst keine Band, vielleicht mit Ausnahme der geistesverwandten britischen "Rockers HiFi": gebrochen und doch glatt, sich immer wieder neu aufbauend, scheinbar verstärkend, in Wahrheit konsolidierend. Ein Beat für die Ewigkeit auf Schienen. Express, transkontinental.

Mit diesem Beat gehen die aus Mödling stammenden Sofa Surfers nun auf Europa-Tournee. Volle Säle sind ihnen sicher: Das Logo "Wiener Szene" wirkt weiter, mag das deutsche Feuilleton noch so oft das Wort "Kaffeehaus-Dub" bemühen. Dieses Caf© hatte von Anfang (1997) an namhafte Gäste: Kruder und Dorfmeister mischten den Track "Sofa Rockers" ab, so entspannt, daß man bis heute nicht genau weiß, ob man ihn auf 33 oder 45 Umdrehungen spielen soll.

"Die Loop-Ästhetik hat uns schon sehr 'taugt", sagt Wolfgang Schlögl heute - im Rückblick auf die Tage, als sich die Indie-Popper ("Red Red Rosary") entschlossen, Groove-Reiter und Sofa-Surfer zu werden. Aber: "Wir sehen uns noch immer hauptsächlich als Band, nicht als Produzententeam." Eine kopflose Band, darf man wertfrei hinzufügen: Es war kein Aufputz, sondern Notwendigkeit für die Sofa Surfers, auf ihrer neuen Platte "Encounters" für fast jeden Track einen anderen Vokalisten einzusetzen. So den alten englischen Dub-Berserker Mark Stewart, Jeb Loy Nichols von der sanft schrulligen US-Folk-Band "Fellow Travellers", aber auch Reggae-Meister Junior Delgado: Sie sorgen für den Überbau, Hirnfutter in Form unheilschwangerer bis stoischer, manchmal platter Betrachtungen: Das 21. Jahrhundert ist da, schluck, wir brauchen alle einen Ausweis usw. Darunter rollt die Eisenbahn.

Düster? Nicht so arg. Gegen die "Pre-millennium tension" eines Tricky klingt all das recht heiter. Ein bißchen beliebig auch: Ein in sich geschlossenes Meisterwerk ist "Encounters" nicht, nur der respektable Versuch einer ausgezeichneten Rhythmusgruppe, sich "oben" geschmackvoll einzukleiden.

Noch weniger stringent ist die Live-Umsetzung. Verständlicherweise können die Sofa Surfers nicht alle Gastkünstler auf Tour mitnehmen. Also kommt viel von der Festplatte (und wirkt oft aufgesetzt), den Rest interpretiert Reggae-Artist DJ Collage - in voller Routine, mit "Austria, I love you!", "This is for ganja smokers!" und derlei Sprüchlein mehr. Derbe Anmache, wie die Deutschen sagen. Und, Verzeihung, reichlich uncool. Gegen Ende, vor dem wunderbaren "Can I Get A Witness", einigte man sich, quasi wortkarg, auf ein "We're rolling home". Im Blues. Das paßte, und die Eisenbahn rollte.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.