Pop

Keine Ironie mehr, aber "total viel Spaß": Das Lächeln hat gewonnen

Beim Songcontest 2002 wird Manuel Ortega Österreich vertreten. Stermann und Grissemann sind knapp gescheitert. Ein Lamento.

Manuel Ortega aus Oberösterreich ist 21, fleißig und kann singen, er präsentierte sich mit Lächeln und Ausschlagkragen und vergaß auch nicht, seinem Bürgermeister zu danken. Daß der von ihm interpretierte, recht eingängige Song "Say A Word" ältere Menschen an "All Right Now" von The Free erinnert, ist belanglos. Ortega wird Österreich beim 47. Grand Prix Eurovision de la Chanson in Tallinn, Estland, gewiß anständig vertreten.

Das könnte man wohl auch über die anderen Teilnehmer der Vorausscheidung am Freitag im ORF-Zentrum sagen. Mit Ausnahme vielleicht von Bluatschink, die den Betroffenheitskitsch allzu dick auftrugen, und Hartmann, die eine peinliche Rock'n'Roll-Persiflage mit verschwitztem Text boten: Das war Spaßkultur, und zwar im üblen Sinn. Ansonsten: nette junge Leute mit angenehmen Stimmen, die sich in ihren Selbstdarstellungen dazu bekannten, daß "Musik die wichtigste Schwingung in ihrem Leben" sei (Anik Kadinski), die ein "gruppendynamisches Gefühl" und "total viel Spaß" verspürten (The Shepherds) oder sich wünschten, "daß Träume wahr werden können" (Loud 9).

Alles in Ordnung also, oder? Und was war da mit Stermann und Grissemann, die alle Medienaufmerksamkeit hatten und dann doch nur zweite wurden? Ein gescheiterter Versuch von Störenfrieden, sich in ein harmonisches, wenn auch ästhetisch und kommerziell völlig irrelevantes Terrain einzuschleichen? Ein spaßiger Einwurf aus der "echten" Popkultur in eine Scheinwelt?

Vorsicht. Die Tage, als der Songcontest völlig getrennt vom "echten" Pop und bestenfalls ein Anlaß für ironisches Tändeln ("so schlecht, daß es schon wieder gut ist" etc.) war, sind vorbei. Man muß nur eine Stunde Ö3 oder diverse Privatradios hören, um zu begreifen, daß hier eine Konvergenz stattgefunden hat. Die meisten Songcontest-Beiträge sind heute nicht wesentlich biederer als die meisten Hitparaden-Songs. Ö3-Moderator Andi Knoll lag nicht so falsch, als er beharrlich sagte, es gelte, den "Popsong des Jahres" zu küren.

So war der Beitrag von Stermann und Grissemann nicht nur ein in Szenekneipen ausgeheckter, gut inszenierter Scherz, sondern eine bei allem Charme grimmige Protestnote - gegen die Zumutung, daß Pop ein Handwerk sein soll, das man anständig zu lernen hat, das zielgruppenorientiert zu funktionieren hat bis in die sogenannten Nischen hinein. Radio FM4, wo die beiden als Komödianten ihr Brot verdienen, ist, wenn auch sehr erfolgreich, eine solche Nische. Es dient, zynisch gesagt, auch dazu, Ö3-Konsumenten von Seltsamkeiten fernzuhalten, die sie verwirren könnten.

"Eigentlich gut, daß wir nicht gewonnen haben, sonst wären wir ja jetzt Mainstream", sagte einer der Mitwirkenden halb im Scherz. Genau das war die wunderbare Unverschämtheit dieser Kandidatur: Sie drängte sich unaufgefordert in den Mainstream, verweigerte sowohl die "Kunst-kommt-von-Können"-Ideologie als auch die geforderte Eindeutigkeit. Der Song war spaßig und ernst, traurig und heiter zugleich, spielte mit bewußtem Scheitern genauso wie mit ebenso bewußter Schönheit - allein diese Mariachi-Trompeten! Seine Interpreten lächelten nicht. Vielleicht war das der größte Affront.

Nun, die Bärenfelle werden nicht nach Tallinn reisen. Dieses Theater ist vorbei. Und Christoph Grissemann und Dirk Stermann sollten den Songcontest nie wieder moderieren. Denn für diesen gilt längst der Satz, mit dem die britische Band Pulp ihre Platte "This Is Hardcore" beschloß: "Irony is over, bye, bye."

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