Brian Wilson, Kopf der Beach Boys, subtilster Komponist des Pop, trat erstmals in Europa auf. In Berlin erlebte man einen großen, tragischen Künstler, wie er um seine Kräfte rang. Erfolgreich.
Blitzlichter im Beton. In der hinterletzten Kammer eines seelenverlassenen Kongreßzentrums, wie über der Schulbank gekrümmt, sitzt der alte Mann mit ergrautem Gesicht, den Blick starr auf unendlich fokussiert. Die Schreiber und Adabeis, geladen zum "Meet-and-Greet"-Ritual, haben sich angestellt, um ihm zu huldigen, sich die Hände schütteln zu lassen, ein kurzes, schmerzhaft aufgesetztes Lächeln zu empfangen - von Brian Wilson, dem Pop-Genius, der sich wie kein anderer darauf verstanden hat, Lächeln aus dem Schmerz zu ziehen.
"Jetzt ist es dunkel, und ich bin allein, aber ich werde mich nicht fürchten - in meinem Zimmer" schrieb er in "In My Room", 1963, als seine Beach Boys noch ausschließlich als Jubelgesangsverein für Sand und Sonne, Surfbretter, starke Autos und kalifornische Mädchen galten. Natürlich: Das waren sie, und das sind sie geblieben - doch daß ihr Jubel so rühren konnte, sich so hoch über alles Leid erhob, das lag daran, daß Brian Wilson das Leid kannte, die Ängste allein im Zimmer, weit weg vom Gleißen des Strandes.
Bald nach den bis heute in fast allen Musiker- und Journalisten-Charts zum besten Pop-Album aller Zeiten gekürten, kommerziell aber vergleichsweise erfolglosen "Pet Sounds" (1966) überwältigten ihn seine Ängste. Schwer depressiv, von Drogen zusätzlich geschwächt zog er sich zurück, aus der Öffentlichkeit, aus der Sonne. Der Popwelt wurde der jahrelang zu jeder Aktivität unfähige Wilson zum Archetyp des leidenden Genius. "I'm lying in bed just like Brian Wilson did", sangen die "Barenaked Ladies".
Just diesen Song ließ Wilson in Berlin seine Band anspielen - und übergehen in "'Til I Die", seine erschütternde Hymne auf das ozeanische Lebensgefühl im Freudschen Sinn, auf das Treiben in den Elementen bis zum Tode, mit der auch musikalisch radikal entpersonalisierten, kanonartig gesetzten Schlußzeile. Live drang Brian Wilsons leicht nasale, nach Kraft ringende Stimme doch durch: kein Aufschrei, ein Bekenntnis. Eines Mannes, dem noch immer jede Bewegung schwerzufallen schien: Hinter dem Schutzschild seines Pianos kauernd, dirigierte er höchstens ein wenig mit zaghaften Händen vor sich hin, ein scheuer Jüngling von fast 60 Jahren.
Irrwitziger Kontrapunkt
"Dance Dance Dance", "I Get Around", "California Girls" - wer solche Extrakte der Euphorie noch zu Lebzeiten Carl Wilsons live von den Beach Boys hören durfte, darf sich einen Vergleich erlauben: An diese Perfektion der Vokal-Arrangements, an diese Spannungsarchitektur kam Brian Wilsons Tour-Band - mit einer Frau, die die Falsett-Parts übernahm! - kaum heran. Sie erreichte etwas anderes: Man erlebte die Zerbrechlichkeit, die kühnen Sprünge, besonders in Wilsons abenteuerlichsten Konstruktionen wie "Meant For You", "Friends" oder gar "Heroes and Villains" mit seinem irrwitzigen A-cappella-Kontrapunkt, aus dem dann die Hauptmelodie bricht. Aber auch im frühen "Don't Worry Baby": Man hörte, wie die tröstlichen Schultern zu schwanken drohen, und es trieb einem die Tränen in die Augen vor dieser Schönheit der Schwäche.
Nach der Pause dann die "Pet Sounds" komplett, diese seltsamste aller Platten, dieser Zyklus zwischen kindlicher Trauer und gänzlich abgehobener Verzückung, mit seinen Pauken, Cembali und Trompeten. Klar, fast analytisch arrangiert, mit zwei auf alle Feinheiten bedachten Schlagzeugern gewannen die Songs an Durchsichtigkeit. Sogar "God Only Knows", dieser überirdische Hymnus auf die irdische Liebe, gelang ohne die Stimme Carl Wilsons.
Doch auf die Surfbretter!
"Caroline No", das Lied des Verklingens, war gerade zart verklungen, da rief Brian Wilson, fast haltlos, die "Good Vibrations" aus: Raserei. Zur Zugabe ein fragiles "Surfer Girl", dann der "Rock'n'Roll", wie er ihn verstanden und geprägt hat: auf die Surfbretter, zur Sonne, ins Licht! "Help Me Rhonda" (inbrünstig), "Barbara Ann" (mit Wilson an der Baßgitarre), "Surfin' USA" (mit textlichen Hängern, aber sei's drum), "Fun Fun Fun" (nicht umzubringen), allgemeiner Jubel, Doo-Wop und Schultertanz in den Reihen. Endlich "Love and Mercy": ein bewegender Abschied eines, der die Welt und ihre Grobheiten schon wieder aus seinem Zimmer sieht.
Das ist sein Blick; alles andere bedarf der Anstrengung. Brian Wilson: Kein anderer hat sich selbst so zum Urlaub zwingen müssen wie er, keinem ist es so schwer gefallen; aber kein anderer hat je solche Ansichtskarten geschickt. Sonne aus dem verdunkelten Zimmer. Dank und Respekt.
Auf CD sind Aufnahmen eines US-Konzerts Brian Wilsons mit ähnlichem Programm kürzlich erschienen: "Live At The Roxy Theater".