Die Scheußlichkeit Wien-Mitte hat erstmals eine breite Diskussion über das Stadtbild ausgelöst.
Wien wird sich rüsten müssen: Wenn der Stadt tatsächlich das "Weltkulturerbe" aberkannt wird, werden vielleicht Zehntausende in die Bundeshauptstadt kommen, um zu sehen, welche Scheußlichkeit eine ähnliche Gefahr für das kulturelle Erbe dieser Erde darstellt wie einst die Taliban für die Buddha-Statuen von Bamian.
Allerdings muß man bezweifeln, daß der Bauwerber von Wien-Mitte die richtige Anlaufstelle ist, um die interessierten Touristenmassen ausführlich über das Projekt zu informieren. Immerhin hat es erst der heftigen Intervention des Magistrats bedurft, damit die still und heimlich agierende Bauträger Austria Immobilien überhaupt einmal die Anrainer in einer Ausstellung über das Hochhaus-Projekt unterrichtet.
Betrachten wir den Streit um das Projekt Wien-Mitte einmal nüchtern: Daß die City zum Weltkulturerbe erklärt wurde, kann gewiß nicht bedeuten, daß dieser Bezirk nun unter einem Glassturz steht. Daß nichts mehr verändert werden darf, daß es keine Weiterentwicklung geben kann, daß man selbst verfallende Altbauten als Weltkulturerbe erhalten muß. Es ist eine Ehre, in die Liste der zu schützenden Kulturgüter dieser Welt aufgenommen zu werden, das kann aber nicht das Ende jeglicher Stadtplanung bedeuten. Sollte die Unesco der Ansicht sein, die City muß für alle Ewigkeit auf dem Stand 2002 bleiben, dann sollten die Verantwortlichen der Stadt die Urkunde mit freundlichen Grüßen nach Paris zurückschicken.
Die Auszeichnung "Weltkulturerbe" ist aber sehr wohl ein Auftrag, mit diesem Stadtteil besonders sorgfältig umzugehen - was aber, wie architektonische Ausgeburten zeigen, nicht immer passiert. Das Bewußtsein für dieses einmalige Ensemble fehlte den Stadtverantwortlichen jahrelang. Da wurde gebaut und genehmigt, wie es gerade gefiel. Erst seit einigen Jahren ist Wien ähnlich behutsam, wie Paris oder Rom es seit Jahrzehnten sind. In diesen beiden Metropolen hat man darauf geachtet, daß das historische Zentrum nicht durch Neu- und Ausbauten beeinträchtigt wurde. In Wien folgte man dem Vorbild, neue Architektur an den Rand der Stadt zu verlegen: Auf der "Platte" entstanden interessante Bauten, etwa das architektonisch reizvolle Seidler-Hochhaus. Dort kann man Stadtentwicklungs-Experimente veranstalten, dort sind Hochhäuser auch eine Attraktion, aber nicht im Herzen der Stadt.
Die Behutsamkeit muß aber auch gegen Bausünder verteidigt werden. Da setzt etwa einer auf das Hotel Ambassador Dachwohnungen ohne Rücksicht auf Vorschriften. Daß die Aufbauten nicht nur scheußlich aussehen, sondern auch zu hoch geraten sind - was soll's. Der Bauherr agierte offenbar nach der Meinung, daß sich keine Behörde der Welt traut, etwas abreißen zu lassen. Hoffen wir, daß er sich getäuscht hat.
Das Projekt Wien-Mitte, das den aktuellen Streit um das Weltkulturerbe ausgelöst hat, ist eine Bausünde aus den 80er Jahren. Damals gab es die erste Flächenwidmung, die uns jetzt - nach stiller Umplanung und unter Ignorieren der empörten Anrainer - vier Türme, der höchste 97 Meter, bescheren wird. Zu stoppen ist die Scheußlichkeit, die eine dauernde Beeinträchtigung für das Stadtbild bedeutet, kaum mehr. Die Stadt Wien könnte nur dem Bauwerber seine bisher getätigten Investitionen abgelten, und das würde Millionen kosten.
Bei aller Ohnmacht, etwas Positives hat das Projekt hervorgebracht: In dieser Stadt wurde erstmals intensiv über Architektur und Stadtbilderhaltung diskutiert. Die Bürger haben gezeigt, wie wichtig ihnen Wien ist, und die Verantwortlichen haben gesehen, daß sie nicht einfach genehmigen können, was jemand gerne hätte. Anno 2002 wäre ein solches Projekt wie Wien-Mitte nicht mehr möglich - das ist zumindest ein kleiner Trost.