Klimaforscher können uns bestenfalls mit globalen und allgemeinen Prognosen dienen.
Ich hoffe, die Prognose hält nicht." Seit Tagen sitzt in der "Zeit im Bild 1" des ORF die elegante Dame von der Meteorologie mit am großen Nachrichtentisch und fleht ihre Wetterkarten an, daß sie doch falsch sein mögen. Ein seltsames, modern-archaisches Ritual. Es erinnert an Gebete, die (einen) Gott bestürmen, auf angedrohtes Unheil doch zu verzichten, eine Stadt zu verschonen, vor dem Erdbeben, vor dem Sturm, vor der Sintflut.
Ja, die Sintflut, eigentlich: Sündflut. Wohl niemand mit jüdisch-christlichen Wurzeln - es reicht zur Not die Kenntnis von Nick Caves Gesängen über das "Muddy Water" des Mississippi -, hat in den letzten Tagen diese Assoziation aus dem Kopf drängen können. Zumindest unbewußt ist sie da: die Geschichte vom Gott, der sieht, daß "der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar" (1 Mose 6) - und die Flut schickt. Diesfalls ohne Warnung übrigens.
Göttlichen Drohungen und Prophezeiungen mögen in weltlichen Zeiten die Voraussagen der Wissenschaft entsprechen. Zwar ohne Weihe und Rauch geäußert, neigen diese doch, wenn's ums Wetter geht, zur Verschwommenheit und Unzuverlässigkeit. Die ORF-Wetterfrau hat guten Grund zur Hoffnung, daß ihre Prognosen irren. Immer schneller werden die Computer, mit denen die Meteorologen die Flut an Differentialgleichungen, die ihnen Hydro- und Aerodynamik bescheren, in den Griff kriegen wollen - und doch wird, so scheint es zumindest dem Laien, die Wettervorhersage nicht und nicht zuverlässiger. Das Wetter ist erstens immer irgendwie schlecht und zweitens ein komplexes Geschehen: Hier paßt das lästige Modewort einmal.
Längerfristige Prognosen detaillierten Wettergeschehens sind so gut wie unmöglich. Günstiger scheinen die Aussichten, zu verstehen, wie die Atmosphäre der Erde im großen Maßstab auf anhaltende Veränderungen reagiert. Die aufgrund menschlicher Aktivitäten steigenden Konzentrationen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen führen zur globalen Erwärmung: Darauf können sich die meisten seriösen Wissenschaftler einigen. Wie sich diese Erwärmung lokal auswirken wird, ist dagegen höchst ungewiß. Ob es im Waldviertler Sommer des Jahres 2020 mehr oder weniger regnen wird, kann uns niemand sagen.
Im Sommer des Jahres 2002 hat es deutlich mehr geregnet als "normal": Das steht fest. Ein apokalyptischer Reiter, der die katastrophalen Folgen der globalen Erwärmung ankündigt? Wer behauptet, das auch nur mit einiger Wahrscheinlichkeit sagen zu können, übernimmt sich. Immerhin haben führende Klimatologen auch schon das Gegenteil prophezeit: trockenere Sommer für Österreich in zirka 50 Jahren. Das heißt Dürre. Klingt auch nicht so toll.
Keine Sintflut also? Keine Strafe für "Umweltsünden", für "Dichten und Trachten" mit Gaspedal und Rauchfang? Eher nicht. Wahrscheinlich nur schlechtes Wetter, wie es halt vorkommt auf dieser Erde, in diesem labilen Gleichgewicht.
Wer will, darf das schlammige Wasser, das Straßen und Häuser verschlungen hat, trotzdem als Warnsignal verstehen. Denn - im erdgeschichtlichen Maßstab gesehen - rasche Klimaänderungen, wie sie die globale Erwärmung via Treibhauseffekt bringt, werden die menschliche Fähigkeit, sich dem Wetter anzupassen, jedenfalls strapazieren. Der Sintflut-Blues kommt; wann, wo und in welcher Moll-Tonart, das wissen wir noch nicht.
Über die Reduktion von Treibhausgas-Emissionen wird indessen weiterhin viel debattiert und konferiert werden. Akute betriebswirtschaftliche und persönliche Interessen werden aber das chronische, globale Interesse an einem möglichst stabilen Klima übertrumpfen. Ich hoffe, diese Prognose hält nicht.