Was ging in Tina vor?
Wie sehr muß Tina gelitten haben? Wie verzweifelt muß die Zehnjährige gewesen sein, daß sie sich die Walther PPK ihres Vaters auf die Brust setzte und ihrem jungen Leben ein Ende machte? Wie dunkel muß es in Tina gewesen sein, daß sie wegen einer mutmaßlich schlechten Mathematik-Schularbeit - die Arbeit war noch nicht einmal korrigiert -, ihren Freitod minutiös plante und die kleine Barschaft aufteilte - drei Viertel für die Oma, ein Viertel für die Mama?
Die schreckliche Situation, in der sich Tinas Familie jetzt befindet, kann man nur ahnen. Trotzdem muß man fragen: Was ist aus dem schützenden Hafen Familie, aus dem Hort der Liebe und Geborgenheit geworden, wenn Angst vor schulischem Mißerfolg bei einer Zehnjährigen in Selbstmord endet; wenn man glaubt, was man ist, und als was man anerkannt wird, definiert sich nur über Erfolg. Das sind die quälenden Fragen, die die Öffentlichkeit nicht beantworten, aus denen man nur Konsequenzen für das eigene Umfeld ziehen kann.
Ein anderer Aspekt, mit dem sich Öffentlichkeit und Politik sehr wohl beschäftigen müssen, ist die Leichtigkeit, mit der die Zehnjährige an die Waffe kam. Dazu paßt auch der Amoklauf eines bei Betrunkenheit zu Aggressionen neigenden Mannes am Mittwoch, ebenfalls in der Steiermark. In einem Fall liegt die geladene Pistole in einem Kleiderschrank, im anderen Fall besitzt ein ortsbekannter Alkoholiker Waffen. Das recht strenge Waffengesetz in Österreich genügt nicht, wenn die Kontrollen durch die Exekutive nur mangelhaft sind und man noch immer zu leicht an Waffen herankommt.
Daß Tinas Selbstmord zu verhindern gewesen wäre, ist zweifelhaft. Daß es aber viele Wahnsinnstaten nicht gäbe, zeigt ein Blick nach Großbritannien: Dort sind private Schußwaffen de facto verboten. Die Zahl der Getöteten ging um 28 Prozent zurück.
Die US-amerikanische National Rifle Association versucht, mit einem zynischen Werbespruch Einschränkungen beim Waffenbesitz zu verhindern: "Waffen töten keine Menschen; Menschen töten Menschen." Aber: Wenn es keine Waffen gibt, dann wird das Töten viel schwieriger.