Die Farben der Wut

Das Publikum, dicht gedrängt stehend, schweißüberströmt, singt begeistert mit, klatscht im rasanten Takt, wiegt die Körper, explodiert gelegentlich als frenetischer Hexenkessel, der um die Bühne kocht - aber nie übergeht. Brasiliens Samba-Rock: wie Musik die Welt der Afrobrasilianer verändert.

In den späten Fünfzigern, als Gott wirklich Brasilianer zu sein schien und ein optimistischer Staatschef Juscelino Kubitschek das futuristische Brasilia aus dem Boden stampfen ließ, mischten unbekümmerte Musiker in Rio de Janeiro den traditionellen Samba mit nordamerikanischem Jazz: Der Bossa Nova war gezeugt. Astrud Gilberto sang sich mit "The Girl from Ipanema" in das Herz der Welt, Tom Jobim, Joao Gilberto, Baden Powell und andere musizierten, dichteten und träumten von Liebe und Strand, vom Rauschen des Meeres. Brasilien schwamm auf einer Woge des Glücks.

1964, bei dreistelliger Inflation und prärevolutionären Zuständen, putschten die Generäle und verordneten Brasilien ein konterrevolutionäres Korsett. Vorbei war es mit der Bossa-Nova-Seligkeit. Studenten, Arbeiter und Intellektuelle wehrten sich. Dabei wollten sie auf Musik nicht verzichten. Aus Salvador de Bahia war eine musikalische Erneuerung des Samba eingesickert. Experimentierfreudige Bahianer wie Caetano Veloso, Gilberto Gil oder Maria Bethania mischten Samba mit Pop und Salsa und verstärkten den Sound über Elektrogitarren. Musikhistoriker sollten später diese erneuerte Form als "Tropicalismo" identifizieren.

Eine gegen die Offiziere protestierende Generation, stark in S£o Paulo verankert, nahm den neuen Sound begeistert auf und entwarf dazu widerborstige Texte, die freilich die Zensur der Militärbehörde passieren mußten. Also dichtete man in Kürzeln, Anspielungen, Umschreibungen und Wortspielen. Dem entsprang die in den siebziger Jahren sanft subversive "Musica Popular Brasileira" (MPB), mit der breite Bevölkerungskreise die harsche Militärdiktatur unterliefen. Chico Buarque kreierte damals "A pesar de voce", den Trotzdem-Samba mit der anklagenden Textpassage "Ihr - die Offiziere - habt die Schuld erfunden; schafft nun auch die Sünde heran!" Beth Carvalho, Milton Nascimiento, Tom Z©, Roberto Carlos, Gal Gosta und viele andere erweiterten mit kritischen Songs den Bereich der Bahia-Tropicalistas.

Brasiliens Offiziere zensurierten wütend, schikanierten, entzogen Pässe, lösten Popkonzerte auf, trieben einzelne - etwa Gilberto Gil oder Caetano Veloso - ins Exil, wurden aber der Musikszene nie Herr, weil Brasiliens Samba, verankert im Volk, anarchistisch frei vibriert.

Brasiliens politische Öffnung der achtziger Jahre, welche die Offiziere zurück in die Kasernen zwang, verdankt ihren Durchbruch auch der ungewöhnlichen MPB-Musikszene. Indes, mit der schrittweisen Rückkehr zu Formaldemokratie und Zivilherrschaft verlor das - politisch triumphierende - Sambaprojekt an Hebelwirkung. Seine Vertreter alterten, schrieben seichtere Texte, stimmten sich auf den internationalen Sound ein, schlossen Frieden mit kommerziellen Plattenfirmen. Globale Berühmtheit stellte sich ein, was den Samba verwässerte. Weltweite Tours brachten Altmeister wie Gilberto Gil oder Caetano Veloso bis nach Wien.

Gil färbte sein Kraushaar punkbunt ein, doch den anderen seiner - fabelhaft erfolgreichen - Musikergeneration wurde mit den Jahren der Kopf grau. Ein Aufbegehren der Jungen mußte kommen: in Rio als Anarchie, in Salvador de Bahia als schwarze Renaissance. Beide Rebellionen begleiten das (wirtschaftlich inzwischen konsolidierte) Brasilien in das neue Jahrhundert.

Um Brasiliens aktuelle Musikszene zu begreifen, muß auf die Politik verwiesen werden. Brasiliens "abertura", die politische Öffnung der achtziger und neunziger Jahre, hatte messianische Erwartungen geweckt. Makroökonomisch erstarkte das Land tatsächlich. Aber die krasse Ungleichheit hat sich eher noch verdichtet. Somit ging bei den unteren Einkommensschichten der Glaube an die Wirksamkeit der Politik endgültig verloren. Überall entstanden autonome Basisgruppen, die ihr Schicksal selber in die Hand nahmen. Im politischen Bereich am klarsten mit der revolutionären MST-Landlosenbewegung, musikalisch unüberhörbar mit brasilianischem Funk, Samba-Rock und Samba-Reggae.

Funk-Musik und Funk-Parties überschwemmen inzwischen Rio de Janeiro. Während Touristen brav nach Bossa-Nova-Musik suchen und konventionelle Samba-Schulen frequentieren, explodiert in den Vorstädten eine wüste Funk-Szene, wo "Gangsta Rap" und Rap mit Samba fusionieren. Auf schmucklosen Betonplatten, vibrierend vom Sound, drängen sich zumeist blutjunge Mädchen und Burschen aus den Favelas und Vorstädten, tanzen frenetisch die schwüle Nacht durch, halbnackt, eingenebelt von Drogen. Fast Sex und Kokain ergeben ihre anarchische Antwort auf das Versagen der politischen Klasse.

Gleichzeitig sabotieren sie damit die Verführungsversuche von US-Plattenfirmen, die mit speziellen "Rock-in-Rio-Festivals" den originären brasilianischen Sound zu korrumpieren suchen. Die Sängerinnen und Sänger, die auf solchen Funk-Parties zwischen dröhnendem Techno auftreten, verachten das Establishment und wollen mit internationalem Kommerz nichts zu tun haben. Als proletarische Könige der Rio-Nacht erschrecken sie die weiße Bourgeoisie und pochen auf gewaltbereite Zügellosigkeit, solange die realen Verhältnisse in den Vorstädten himmelschreiend schlecht bleiben.

Weit weg von Rio, im nördlichen Salvador de Bahia mit seiner mehrheitlich schwarzen Bevölkerung (deswegen als "schwarzes Rom" gepriesen), braute sich mit Samba-Rock und Samba-Reggae, jeweils akzentuiert von Tambour-Batterien, eine musikalische Revolution zusammen, die Anarchie hinter sich läßt, um aufzubauen. Ausgangspunkt für dieses Phänomen war die rassistische Tradition des bahianischen Karnevals, dessen "Blocos" (vergleichbar den Samba-Schulen in Rio) vom weißen Bürgertum besetzt waren, während die Afrobrasilianer, immerhin 80 Prozent der Bevölkerung von Salvador, nur als Zuschauer Beifall klatschen durften.

Mit dem politischen Erwachen der brasilianischen Neger - in Salvador lacht man über unsere Umschreibungen des Schwarzseins: Somos Negros! sagen sie, wir sind Neger und wollen so genannt sein - gründeten Führer von Selbsthilfeorganisationen aus den Slums alternative Karnevalsgruppen, "Blocos Afro", welche die Tradition der älteren "Afox©s" aufgriffen. Altstars aus der Samba-Tradition, insbesondere Gilberto Gil, hatten etwa gleichzeitig Verbindungen zum jamaikanischen Reggae hergestellt und Bob Marley adoptiert. In den jungen Blocos Afro loderte Begeisterung für die jamaikanischen Rastafari mit ihrer langhaarigen Lockenpracht, für Äthiopien, für Martin Luther King, Malcolm X oder Nelson Mandela auf. Da Karnevalsgruppen ohne Musik undenkbar sind, begann man mit musikalischen Experimenten, welche starke Trommler-Ensembles mit Reggae und zusätzlichen Instrumenten wie Trompete, Saxophon und Elektronik kombinierten. Es schälte sich Bahias "Samba-Reggae" oder "Samba-Rock" heraus. Ein begnadeter Perkussionist, Carlinhos Brown, setzte dafür Maßstäbe. Bahias Karneval, für den das ganze Jahr über geübt wird, mutierte farb- und soundschillernd zu einem afrikanischen Fest.

Medienmäßig reüssierte vor allem die Gruppe Olodum, die eine Böse-Buben-Attitüde pflegt. Ihnen verschaffte Anfang der Neunziger Paul Simon, immer auf der Suche nach unverbrauchten Dritte-Welt-Klängen, Zugang zum nordamerikanischen Publikum. Weltweit berühmt wurde Olodum, als der schwarze Filmemacher Spike Lee für und mit Michael Jackson 1996 im Zentrum von Bahia mit Hundertschaften von Olodum-Trommlern einen Videoclip drehte. Olodum zahlte dafür den musikalischen Preis, indem sie ihren zornigen Sound kommerzialisierten; gewonnen haben sie an Renomm©.

Ginge es den Blocos Afro nur um einen neuen Sound, könnte man sie getrost den Musik-Ethnologen überlassen. Der Kern des Phänomens indessen ist hochpolitisch. Salvador de Bahia, Brasiliens erste Hauptstadt, war als Zuckerproduzent der hauptsächliche Umschlagplatz für afrikanische Sklaven. Brasilien hob die Sklaverei erst 1888 auf. Nachfahren der Sklaven, analphabetisch, verelendet, ausgegrenzt, verachtet von der weißen Elite, drängten sich im Bundesstaat Bahia zusammen. In Salvador de Bahia, heute ein urbanes Konglomerat mit drei Millionen Einwohnern, siedelten sie bevorzugt im historischen Zentrum, dessen kostbare Barockkirchen unter Slum-Bedingungen zu verrotten begannen. Prostituierte, Drogenhändler, Bettler, Diebe und Schieber zogen noch düstere Elemente an.

Dann ereignete sich das Wunder: Zuerst von der Unesco zum Welterbe erklärt, griff ab 1992 eine ehrgeizige Renovierung, die Salvadors Architektur im letzten Moment rettete. Folgerichtig blüht heute der Tourismus. Parallel dazu wachten die Blocos Afro auf, die nicht nur trommeln und Karnevalsumzüge vorbereiten, sondern vor allem verwahrloste Jugendliche aus den Slums mit der eigenen Geschichte, für die man sich nicht mehr schämen will, konfrontieren. Olodum schlug sein Hauptquartier partout unweit des "Pelourinho" auf, des zentralen Platzes mit dem Schandpfahl, an dem aufsässige Sklaven ausgepeitscht, mißhandelt oder massakriert worden waren. Daher auch die Olodum-Farben Grün, Rot, Gelb und Schwarz, was Dritte-Welt-Wut anzeigt. Slumkinder, die in strikter Disziplin zu Trommlern ausgebildet werden (inzwischen dürfen auch Mädchen mitmachen) erhalten Schulung und bekommen die eigene Geschichte vermittelt, die in der offiziellen Historiographie kaum vorkommt.

Besonders stolz verweisen die Olodum-Lehrer auf die vielen "Quilombos" (Widerstandsdörfer entlaufener Sklaven im Hinterland); sie verschweigen auch nicht den Aufstandsversuch der Mal©s, islamischer Sklaven, die 1837 die weißen Herren entweder töten oder versklaven wollten. Ein "Movimiento Negro Unificado" konnte die Bundesverfassung von Bahia mitbestimmen: Verboten sind Beziehungen zu rassistischen Staaten; verlangt werden schwarze Gesichter in der Werbung und so fort.

Bei den jüngsten Demonstrationen brandete der Schrei auf "Repara§£o j¡" - Entschädigung für die Sklaverei jetzt sofort! Da kommt noch einiges auf Brasilien zu. Nicht notwendigerweise als Gewaltschock wie bei der frühen Black-Power-Bewegung in den USA, sondern fröhlich, unbeschwert, wie zum Beispiel "Ra§a" (Rasse), die 1996 gegründete Monatszeitschrift der brasilianischen Neger, deren Editoren auf Ideologie pfeifen und bevorzugt im Hochglanz schwarze Frauenschönheiten, möglichst im Tanga, porträtieren.

Obschon musikalisch zu verflachend, bleibt Olodum für die schwarze Jugend der wirkungsvollste Geschichtslehrer. Jeder Karneval ist einem Thema der Black History gewidmet. Salvador als "schwarzes Rom" soll nicht nur als Ort der Schönheit, sondern vor allem auch als finsteres Herz grausamer Sklaverei begriffen werden. 1997 stellte der Aufstand des Spartakus gegen Rom das zentrale Thema für den Karneval, dessen fröhliche Rhythmen die harschen Lyrics nicht verdeckten: "Die Hänge rutschen / alles stürzt ein / langsam stirbt das Volk / niemand kümmert es / du bezahlst die Steuern / sie essen alles auf / was für ein Land ist das? / keine sieben fetten Jahre für uns . . ."

Freilich, Brasilien wäre nicht Brasilien, würde sein schwarzer Spartakus, anstatt zu kämpfen, nicht lieber tanzen und musizieren. Da es Sonntag war, pilgerten wir im Gefolge Tausender Einheimischer zum Candeal Ghetto Square, einem nackten Betonplatz im ehemaligen Brotas-Slum von Salvador, wo wöchentlich die Musikgruppe "Timbalada", eine der Schöpfungen des Perkussionisten Carlinhos Brown, für den Karneval probt. Das Publikum, dicht gedrängt stehend, schweißüberströmt, singt begeistert mit, klatscht im rasanten Takt, wiegt die Körper, explodiert gelegentlich als frenetischer Hexenkessel, der um die Bühne kocht - aber nie übergeht.

So also sieht der brasilianische Spartakus aus! Und in der Tat, mit den beträchtlichen Einnahmen, die "Timbalada" über Eintrittskarten, Verkauf von Bier und Coca Cola, Vertrieb eigener CDs und Auftritten im Fernsehen zusammenbringt, können im ehemaligen Brotas-Slum Stiegen angelegt, Wege asphaltiert, Straßenbeleuchtung eingeleitet, Gemeinschaftsräume eröffnet und improvisierte Häuser mit Ziegeln verfestigt werden. Jugendliche erhalten Unterricht und können sich für eine Berufsausbildung anmelden. Mädchen brauchen nicht mehr als Prostituierte auf die Straße zu gehen. "So verändern wir Brasilien", sagt Joao Jorge, einer der maßgebenden Sprecher des bahianischen Samba-Rock, "indem wir über Musik positive Energien aufladen und zu handeln lernen." Also genau das Gegenteil von Rios anarchistischem Funk, der Aggressionen ausstreut.

2002 ist das Jahr des afrikanischen Gottes Ogum (im synkretistischen Salvador identisch mit dem heiligen Antonius). Er steht mit der Farbe Blau für Eisen und Krieg, aber auch für Gerechtigkeit - das Ziel aller Blocos Afro in Salvador, wo Spartakus um seine Befreiung tanzt.

Gerhard Drekonja-Kornat, Jahrgang 1939, studierte in Wien und an der Cornell University, arbeitete anschließend drei Dekaden in Lateinamerika. Heute Ordinarius für außereuropäische Geschichte an der Universität Wien.

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