Aufzeichnungen des Sängers von "Nirvana".
Nirvana ist aus Olympia WA, 60 Meilen von Seattle. Nirvanas Gitarrist und Sänger (Kurt Cobain) und Bassist (Chris Novoselic) stammen aus Aberdeen, 190 Meilen von Seattle entfernt. Aberdeens Bevölkerung besteht aus ausgesprochen bigotten Rednecks, Rehe abknallenden, Homos killenden Holzfällertypen, die für verrückte New Waver nichts übrig haben."
Dort die brutalen Spießer, hier die anderen; dort die widerwärtige Welt, hier das Fluchtziel, die Gegenwelt des Pop: Ein letztes Mal funktionierte dieser Licht-Dunkel-Dualismus noch, damals, 1989, als Kurt Cobain seiner Band Nirvana diesen Werbetext entwarf. Zweieinhalb Jahre später raste diese Band aus dem (damals wieder und noch so genannten) Underground ins Licht des Massenpop, fünf Jahre später, am 8. April 1994, erschoß sich Cobain mit einer Schrotflinte, vielleicht derselben, deren Lauf er auf Promotion-Photos in den Mund genommen hatte.
Bis heute füllen Geschichten und Gerüchte über Cobain - der seinen Namen zwanghaft variierte ("Kurdt", "Kobain") - die Panoramaseiten von Teenager-Magazinen. Wie vor ihm nur Jim Morrison ist er ein Untoter geworden, präsent und unerreichbar, auch für seine Nachahmer in rock, die eine ganze Gilde bilden, der malerischen Selbsthasser, der Scheidungskinder verlorener Generationen.
Cobain war der erste dieser Legion. Zugleich war er ein letzter, längst angespeist von den Riten des Rock 'n' Roll: "30 Jahre = ausgelaugt! Ah, die guten alten Zeiten!" notierte er. Die (auch schon 13 Jahre alte) Marke Punk klang damals noch nicht gut & alt, sondern zornig, zumindest in Aberdeen, USA, dort, wo die Rednecks den Rehen nicht gute Nacht sagen. "Ich weiß auch nicht allzuviel über Punkrock, was die Geschichte anbelangt", schrieb Cobain an den Rand seines Notizhefts, "aber ich habe eine Meinung dazu, was Punk mir bedeutet, und er bedeutet Freiheit von . . ."
Freiheit von . . .: Wie seine Texte sind auch Cobains - oft durchaus (poetisch) gestaltete - Tagebucheintragungen voller Auslassungen, Brüche, absurder Wendungen, Hohn auf die Welt und sich selbst. "Meine Texte sind ein riesiger Haufen von Widersprüchen", notierte er: "Auf der einen Seite sehr aufrichtige Ansichten und Gefühle, die ich habe, und auf der anderen Sei-te sarkastische und hoffentlich humorvolle Abrechnungen mit klischeehaften Bohemeidealen." Diese Eintragung endet mit "Trottel, vereinigt euch" - einer Variation auf den berühmtesten aller Nirvana-Refrains: "Here we are now, entertain us, I feel stupid and contagious."
Ansteckende Dummheit, das war für Cobain auch der in der US-Provinz beliebte dumpfe Heavy Metal, den er haßte und doch liebte: "Powerballaden, die mir die Kraft geben, Briefpapier zu benutzen, das mit meinem Lieblingsparfüm getränkt ist". Seine eigene Band wünschte er sich "im selben Slum wie Bands, die gut sind, wie Mudhoney, Jesus Lizard, die Melvins und Beat Happening, anstatt Mieter unter dem Regiment der Hausherren der Industrie". Heute klingen all diese "guten", brav im "Slum" des Underground verbliebenen Bands gerade in ihrer betonten Härte im Vergleich zu Nirvana verspielt, halbherzig.
Böse schrieb Cobain über "Pearl Jam", die einst oft mit Nirvana in einem Atem genannte Pathos-Band: "Nichts als die abgespeckten Ex-Sunset-Strip-Langhaar-Bands von vor ein paar Jahren". So wollte er nicht werden, der "nagetierhafte, unterentwickelte, hyperaktive Spasti" (Selbstbeschreibung) - und so wurde er auch nicht. Das hört man in seinen Songs, die unter den dringlichsten, unentbehrlichsten des Pop sind, das liest man auch aus seinen Notizen. Unentbehrlich sind die freilich nicht.