In Güssing läuft derzeit ein weltweit völlig neuartiges Biomasse-Kraftwerk im Probebetrieb. Die Technologie dazu stammt zur Gänze aus Österreich.
WIEN. Die Holzvergasung - also die Umwandlung von fester Biomasse in gasförmige Energieträger - gibt es schon lange. Bereits im Jahr 1925 wurde ein Auto gebaut, das in einem Generator das "getankte" Holz verschwelt und das entstehende Gas im Motor verbrennt. Holzgas wurde früher vor allem in Mangelzeiten, etwa im Zweiten Weltkrieg, verwendet. Nun kehrt diese Technik zurück - allerdings in neuem Gewand und mit völlig anderem Hintergedanken. Heute geht es darum, Biomasse möglichst effizient zu nutzen, um einerseits die Abhängigkeit von Erdöl und -gas zu verringern, andererseits den Ausstoß von Treibhausgasen zu minimieren.
Österreichische Techniker haben dazu eine Weltneuheit entwickelt, nämlich ein Biomasse-Kraftwerk, das Wärme und Strom erzeugt. Das besondere daran: Die Biomasse wird in einem High-Tech-Reaktor bei 850 Grad Celsius mit Wasserdampf vergast - und zwar in einer "Wirbelschicht". Dabei werden die Biomasse-Stücke - drei bis vier Zentimeter großes Waldhackgut - durch einen Gasstrom verwirbelt. Dadurch können die chemischen Reaktionen auf einer größeren Fläche stattfinden, weshalb die Umsetzung sehr effizient ist. Die notwendige Wärmeenergie für den Prozeß stammt aus der Verbrennung des bei der Vergasung zurückbleibenden Kokses.
Nach Kühlung - die Abwärme wird natürlich genutzt - und Reinigung des Gases wird es in einem Gasmotor verbrannt, die Bewegungsenergie wird per Generator in elektrischen Strom umgewandelt.
In Güssing wurde seit dem Jahr 2000 eine Demonstrationsanlage errichtet, die derzeit im Probebetrieb arbeitet. Acht Megawatt Wärmeleistung aus dem Brennstoff werden in ihr zu 4,5 Megawatt Wärme, die in das Güssinger Fernwärmenetz eingespeist wird, und zwei Megawatt Strom umgesetzt.
Die Technologie stammt zur Gänze aus Österreich: Konzipiert wurde die Anlage von Verfahrenstechnikern der Technischen Universität Wien, die schon zuvor ein 100-Kilowatt-Institutsmodell gebaut hatten. Die Herzstücke der Anlage stammen ebenfalls von heimischen Unternehmen: Den Reaktor hat das Unternehmen Austrian Energy Energietechnik gebaut - das im Zuge der deutschen Babcock-Pleite ins Trudeln geraten ist und unter dem neuen Eigentümer, Mirko Kovats, einen Neustart versucht. Der Gasmotor wurde von der Tiroler Firma Jenbacher geliefert, einem der weltweiten Technologieführern in diesem Bereich. Zusammen mit TU Wien, EVN und der Güssinger Fernwärme haben sich diese Unternehmen im Kompetenznetzwerk RENET Austria zusammengetan.
Die Investitionskosten für das Demonstrations-Kraftwerk lagen bei 10,7 Mill. Euro, 60 Prozent davon aus Förderungen. Bisher, so die Betreiber, läuft der auf zwei Jahre ausgelegte Probebetrieb problemlos. Derzeit werden alle Teile des Prozesses optimiert, für Aussagen über die Wirtschaftlichkeit ist es deshalb noch zu früh.
Die Güssinger Anlage ist weltweit einzigartig. Nur in Dänemark steht ein weiteres Kraftwerk, das Holz vergast. Dieses arbeitet aber nach einem anderen Prinzip, nämlich mit einem Festbett-Vergaser. Das österreichische System hat dabei den Vorteil, daß das Holzgas einen höheren Heizwert hat; den Nachteil eines höheren Teergehalts versucht man durch Filter auszugleichen.
Die derzeitige Nutzung des Holzgases ist aber noch nicht das Ende der Möglichkeiten. Die Techniker denken bereits über andere Nutzungen nach, was die Effizienz weiter erhöhen könnte. Zum einen testen die Wissenschaftler der TU Wien, ob das Holzgas auch als Ausgangsstoff für chemische Synthesen genutzt werden könnte - etwa zur Herstellung "künstlichen" Erdgases oder von Methanol. Zum anderen wird über die direkte Umwandlung in Strom mittels Brennstoffzellen nachgedacht - eine Technologie, die aber sicher noch einige Jahre auf sich warten läßt.