Kosovo 1999: Wenn Statistiker Politik spielen

Eine Analyse der Flüchtlingsströme und Todesfälle im Kosovo 1999 zeigt, daß es keinen Zusammenhang mit UÇK-Terror und Nato-Angriffen gibt. Eine Schuld Slobodan Milosevics kann aber auch nicht bewiesen werden.

Die Aufarbeitung der grauenvollen Vorfälle im ersten Halbjahr 1999 im Kosovo wird noch einige Zeit brauchen. Ein kleiner Beitrag dazu, der kürzlich auch beim Haager Tribunal gegen Slobodan Milosevic präsentiert wurde, ist eine Analyse des US-Statistikers Patrick Ball, Abteilungsleiter bei der renommierten American Association for the Advancement of Science (AAAS). Ball, der in den vergangenen Jahren viele andere tragische Konflikte analysiert hat, vergleicht in seiner Studie die zeitliche und räumliche Verteilung von Flüchtlingsströmen und Morden mit den Ereignissen, die sich während des Kosovokrieges abgespielt haben.

Die Daten der Flüchtlingsströme stammen vorwiegend aus Aufzeichnungen der albanischen Regierung über Grenzübertritte bei dem Ort Morina, und zwar zwischen 24. März und 11. Mai. Diese Zahlen sind laut früheren Analysen repräsentativ für die grenzüberschreitende Flucht. Insgesamt kommt Ball auf 386.000 "internationale" Flüchtlinge. Vertriebene, die innerhalb der Grenzen des Kosovo blieben, konnten hingegen damit nicht erfaßt werden.

In der ersten Phase von 24. März bis 6. April stammte der Großteil der Flüchtigen aus den westlichen und südlichen Landesteilen. Die zweite Phase (7. bis 23. April) war geprägt durch den Massenexodus aus dem Norden und Osten, im dritten Abschnitt flohen erneut viele Kosovo-Albaner aus dem Süden, vor allem aus Prizren.

10.365 Ermordete

Die Zahl der Ermordeten ermittelte Ball zum einen aus den mehr als 2000 Exhumierungen, zum anderen aus mehr als 15.000 Interviews mit Flüchtlingen, die von Hilfsorganisationen gemacht wurden. Er schätzt - nach einer aufwendigen Prozedur zur Vermeidung von Doppelzählungen - die Zahl der Todesopfer auf 10.356.

Das erste wesentliche Ergebnis - und gleichzeitig die Voraussetzung für alle weiteren Analysen - war eine genaue zeitliche Übereinstimmung der Häufigkeiten der beiden untersuchten Parameter: In drei unterschiedlichen Phasen verlaufen die Kurven der Flüchtlingsströme und Todesfälle parallel. Daraus wiederum schließt Ball, daß diesen beiden Erscheinungen eine gemeinsame externe Ursache zugrunde liegt.

Was ist aber der Grund für die Entwicklung? Ball schlägt drei Hypothesen vor, die er mit der räumlichen und zeitlichen Verteilung der jeweiligen Wohnorte der Flüchtlinge beziehungsweise deren Todesorte testet. Die erste Mutmaßung besagt, daß Aktionen der Albanischen Befreiungsarmee U‡K die Menschen aus ihren Häusern getrieben haben respektive für Tausende Morde gesorgt haben. Die Daten für die U‡K-Aktionen stammen aus Aufzeichnungen von Nichtregierungsorganisationen. Ball hat errechnet, daß die Flucht beziehungsweise der Todeszeitpunkt nur in einem Drittel der Fälle gleichzeitig mit oder unmittelbar nach U‡K-Aktionen liegt. - Noch deutlicher ist die Widerlegung der Hypothese zwei, laut der die Menschen vor den Nato-Luftangriffen geflohen seien und die Todesfälle in engem Zusammenhang zu diesen stünden.

Nato-Daten geheim

Als Datengrundlage für die Nato-Schläge verwendete Ball vor allem Meldungen der jugoslawischen Regierung - und zwar aus zwei Gründen: Zum einen werden die "echten" Daten von der Nato geheimgehalten, zum anderen sind die jugoslawischen Meldungen eher über- denn untertrieben. Daher bilden diese Daten den schärfsten Test für die Hypothese.

Das Ergebnis spricht eine deutliche Sprache: Nur zehn Prozent der Fluchten erfolgten gleichzeitig oder unmittelbar nach Luftangriffen, 70 Prozent hingegen davor. Bei Todesfällen ist das Verhältnis nicht so stark ausgeprägt. Ball kann auch ausschließen, daß die Kombination von U‡K-Aktionen und Nato-Angriffen für Flucht und Verbrechen verantwortlich ist.

Mangels Alternative ist Ball deshalb von seiner dritten Hypothese überzeugt, laut der eine von der Regierung gesteuerte, systematische Kampagne des jugoslawischen Staats hinter den Kriegsgreueln steckt.

Einen hieb- und stichfesten Beleg bleibt Ball aber schuldig. Er beschränkt sich auf den vagen Hinweis, daß die statistische Analyse einen Zusammenhang nicht beweisen könne. Er betont aber, daß die Hypothese konsistent mit den Daten sei. Ein Beispiel: Als die jugoslawische Armee die Aktionen zum orthodoxen Osterfest vom 6. bis 7. April einstellte, sank die Zahl der Flüchtlinge und der Morde extrem stark ab. Eine genaue Analyse würde aber den Rahmen der Studie sprengen, schreibt er - nicht wirklich überzeugend.

Folgerichtig hat auch Milosevic die Studie nach der Präsentation in Den Haag heftig kritisiert. Er fragte, ob Ball wirklich glaube, daß man einen sehr komplexen Konflikt mit so großen Vereinfachungen analysieren könne. Milosevic merkte - zu Recht - auch an, daß die serbischen Flüchtlingsströme während des Kosovokriegs bisher nicht analysiert wurden. Deshalb sei das Bild einseitig.

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