Zwitschern und der freie Markt: Wie mythisch ist die Ökologie?

"Horrorszenarien" unterstellt der dänische Statistiker Bjørn Lomborg der Umweltschutzbewegung, aber auch etablierten Ökologen. Seither wird wild gestritten - nächste Woche auch bei den Alpbacher Technologiegesprächen.

Uns allen sei das wohlvertraut, schrieb der dänische Statistiker Bj¸rn Lomborg kürzlich im "Spectrum": Der Umwelt gehe es schlecht, die Ressourcen gingen zur Neige, die Nahrung für die wachsende Bevölkerung werde immer knapper, die Wälder verschwänden, und das globale Ökosystem breche zusammen. Diese "Litanei" sei den Menschen jahrzehntelang vorgesetzt worden. Bloß: "Sie entspricht einfach nicht der Realität", behauptet Lomborg.

Im Gegenteil: Die Lage werde immer besser. Alle Horrorszenarien der vergangenen 30 Jahre, beginnend in den frühen siebziger Jahren beim Club of Rome, seien nicht eingetreten. Das Erdöl sei nicht, wie prognostiziert, 1992 ausgegangen; es seien bis 2000 nicht, wie 1980 befürchtet, 15 bis 20 Prozent der Arten ausgestorben.

Warum haben sich die Horrorprophezeiungen nicht erfüllt? Lomborg nennt zwei Gründe. Erstens seien die Prognosen übertrieben oder falsch gewesen. Beispiel: Praktisch alle Angaben über die Erosion von Böden basierten auf einer belgischen Studie über ein 0,11 Hektar großes Ackerstück in Hanglage. Daraus seien besorgniserregende Schätzungen für ganz Europa abgeleitet worden - obwohl die Autoren betont hatten, daß Schlüsse auf andere Böden nicht möglich sind.

Nur nichts ohne Markt?

Zweitens aber habe der Fortschritt für eine ständige Verbesserung der Situation gesorgt - beziehungsweise dafür, daß die Menschheit mit Veränderungen der Umwelt besser umgehen kann. So sei das technische Know-how in der Luftreinhaltung gestiegen, die Segnungen der Technik hätten die Produktion von mehr und besseren Lebensmitteln ermöglicht. Unverzichtbar sei das Wirtschaftswachstum, meint Lomberg. Durch Verbesserung der Lebensbedingungen werde auch in den Entwicklungsländern die Lage besser. Wesentlich sei dabei, daß Ressourcen nicht gratis sein dürfen, sondern einen angemessenen Marktpreis haben. Dadurch würden sich auch viele Probleme, etwa mit Wasser, quasi von selbst lösen.

Lomborgs Fazit: Die "Litanei" ist nur ein Mythos, erdichtet von Umweltforschern, tradiert von der Umweltbewegung, die genau wisse: Mit Horrorszenarien lassen sich am besten Spenden lukrieren.

Schon nach Veröffentlichung in Dänemark (1998) erntete Lomborg einen Schwall an Kritik, der sich noch verstärkte, als "The Sceptical Environmentalist" letzten Winter beim renommierten britischen Verlag Cambridge University Press herauskam. (Auf deutsch ist das Buch nun als "Apocalypse: No!" erschienen.)

Essenz der Kritik: Lomborgs Darstellung sei irreführend, grob vereinfachend, "journalistisch" oder schlichtweg falsch. Er würde nur jene Fakten gelten lassen, die seiner vorgefaßten Meinung entsprächen. Und überhaupt: Lomborg habe nie zuvor etwas über Umweltforschung veröffentlicht. Freilich hatte Lomborg selbst stets drei Punkte betont. Er sehe seine Aufgabe darin, die Erkenntnisse verschiedener Forscher zu präsentieren. Er sei kein Fachmann, habe aber alles von Spezialisten überprüfen lassen. Und die Umweltsituation habe sich zwar verbessert, sei deswegen aber noch lange nicht gut.

Etlichen Menschen, die nicht an prophezeite Apokalypsen glauben wollen, sprach Lomborg aus der Seele, Lob kam vom britischen "Economist". Im Internet tobt ein Disput auf zwei Seiten: www.lomborg.org und www.anti-lomborg.com.

Doch die "Scientific Community" wollte sich den Frontalangriff nicht gefallen lassen und fuhr schweres Geschütz gegen den dänischen "Eindringling" auf. Etwa im "Scientific American", Motto: "Die Wissenschaft verteidigt sich selbst". Drei der vier Beiträge, nun zum Teil im deutschen "Spektrum der Wissenschaft" (8/2002) nachzulesen, brachten Lomborgs Thesen nicht wirklich ins Wanken, sie deckten vor allem Unsauberkeiten seiner Argumentation auf.

Fundamental hingegen war die Kritik von Stephen Schneider, Biologe an der Stanford University und federführend bei der Klimaorganisation IPCC. Er wirft Lomborg vor, die Folgen des Klimawandels zu verharmlosen und bei der Kosten-Nutzen-Relation der in Kyoto vereinbarten Maßnahmen - die Lomborg zu teuer findet - Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Völlig unverständlich sei, daß Lomborg unter Hinweis auf Studien, nach denen hohe Cirrus-Wolken die Erwärmung bremsen, die befürchtete Welterwärmung am unteren Ende des vom IPCC angegebenen Intervalls von 1,4 bis 5,8 Grad Celsius ansetzt.

Lomborg antwortete auf zirka 30 Seiten - und warf seinen Kritikern vor, das zu tun, was sie ihm ankreiden: Texte selektiv wahrzunehmen und einzelne Sätze aus dem Zusammenhang zu reißen. Der Chefredakteur des "Scientific American", John Rennie, hatte für die Replik Lomborgs nur Spott übrig: Dieser habe - uneinsichtig - erneut wie in seinem Buch agiert und vor allem Halbwahrheiten ausgesprochen.

Legitimes Gruseln?

In der weiteren Kontroverse wich die Diskussion auf Sachebene einem Konflikt zwischen Schulen und zwischen arrivierten und Nachwuchs-Forschern. MIT-Meteorologe Richard Lindzen warf Schneider vor, seine Arbeit über den Einfluß von Cirrus-Wolken auf das Klimageschehen nicht zu verstehen - und zitierte mit spürbarer Freude eine Aussage Schneiders: Dieser habe 1989 gesagt, daß es legitim sei, gruselige Szenarien und vereinfachte, dramatische Aussagen zu machen, um ausreichend Unterstützung im Kampf für eine bessere Umwelt zu bekommen.

In vielen Punkten scheint die Kritik an Lomborg berechtigt. Wenn er Schlüsse aus Daten zieht, benutzt er meist Formulierungen wie "Es ist wahrscheinlich" oder "Es könnte sein" - und fährt dann fort, als ob die Folgerungen sicher seien. Und er verstrickt sich nicht selten in gravierende Widersprüche: Im Kapitel über die Weltbevölkerung schließt er etwa, daß deren Ernährung kein Problem sei, weil "keine Grenze für eine Steigerung der Erträge in Sicht" sei. Kein Wort verliert er an dieser Stelle darüber, daß eine Voraussetzung dafür mehr Wasser ist. 50 Seiten später beklagt er aber, daß man bei der Wasserversorgung schon jetzt Probleme habe.

Vor allem Ökonomen machten auf ein fundamentales Problem mit Lombergs Texten aufmerksam: Er extrapoliert völlig unkritisch historische Daten in die Zukunft - ähnlich wie jene, die er widerlegen will. Auch geht Lomborg davon aus, daß alle Umweltprobleme über Marktmechanismen (Preis, Ko- sten, Nutzen et cetera) bewältigbar sind. Daß das nur für Güter gilt, für die es einerseits einen Preis (was kostet Vogel-zwitschern?), andererseits einen Markt gibt, bedenkt er nicht. In diesem Punkt zeige Lomborgs Argumentation den "Enthusiasmus eines neu Eingeweihten", bemerkte der dänische Ökonom Hans Aage treffend.

Lomborg stellt etwa fest, daß Preise umso höher sind, je knapper ein Gut ist. Das gilt aber auch laut neoklassischen Theorien nur für kurze Zeiträume. Für die Versorgungslage in zehn Jahren ist der Markt blind - wenn er nicht durch umweltpolitische Maßnahmen dafür sensibilisiert wird. Völliger Verwirrung erliegt Lomborg bei seinen Ausführungen über die Bewertung der Zukunft über den Zinssatz. Dabei mißversteht er sowohl die ökonomische Theorie als auch die Schlüsse des IPCC - auf die er sich beruft. Logische Folge: Er begeht schwere Fehler bei der Bewertung von Kosten und Nutzen des Kyoto-Protokolls. So ist sein Schluß, daß Kyoto zu teuer ist, nicht haltbar.

Bei aller Kritik bleiben zwei praktisch unbestrittene Verdienste Lomborgs: Er hat manche Mythen der Umweltbewegung als solche entlarvt. Und er hat eine Sammlung umweltrelevanter Daten vorgelegt, die in dieser Breite und Aktualität wohl einzigartig ist. Die Probleme fangen eben dort an, wo Lomborg Schlüsse aus den Daten zieht. Sein Ziel, die "Litanei" der Umweltbewegten zu widerlegen, hätte er auch mit dem simplen Argument erreicht, daß man noch sehr wenig über die Umwelt weiß und daß ein Teil der angeblichen Erkenntnisse blanke Spekulation sind. "Dann hätte seine Arbeit auch großen Beifall bekommen", meint etwa der
dänische Sozialwissenschaftler Jesper Jesperson. Dadurch, daß er einige Schritte weiter gegangen ist, hat er seiner Sache aber keinen guten Dienst erwiesen.

Bj¸rn Lomborg ist zu Gast bei den Alpbacher Technologiegesprächen, die am Donnerstag, 22. August, beginnen. Nähere Informationen im Internet unter www.alpbach.org.

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