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Prinzip Fairneß: Der neue Adam Smith

Als "Vater" des Laissez-faire-Liberalismus wird der Philosoph Adam Smith oft gesehen. Dieses Bild ist revisionsbedürftig.

Adam Smiths "An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations" (1776) teilt das Schicksal vieler Meisterwerke: Seine Wirkungsgeschichte ist zum großen Teil eine Abfolge von Mißverständnissen, Fehlinterpretationen, Klischees. Es wird bis heute viel zitiert und wenig gelesen.

Viele scheinen nur mit zwei berühmten Zitaten vertraut zu sein: der Metzger-Brauer-Bäcker- und der Invisible-hand-Passage. Beide dienen seit 200 Jahren der Standardinterpretation Smiths. In der ersten heißt es: "Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil." Hier erscheint Egoismus nicht nur als Charakteristikum des Homo oeconomicus, der die moderne commercial society bevölkert, sondern auch als moralisch unbedenklich, vielleicht gar wünschenswert.

Die "unsichtbare Hand"

Diese Interpretation legt die zweite berühmte Passage nahe: Der Kapitaleigner, der nur an den eigenen Vorteil denkt, diene ohne Absicht dem öffentlichen Wohl. "Und er wird in diesem wie in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den er in keiner Weise beabsichtigt hat."

Ob diese Passage eine teleologisch-theologische Interpretation erlaubt, ist offen. Die Interpretation, Smith sei als "Vater" der modernen Nationalökonomie ein Befürworter des Nachtwächterstaates und Begründer des Laissez-faire-Liberalismus gewesen, ist jedenfalls seit den siebziger Jahren nicht mehr haltbar. Damals erschien die erste Gesamtausgabe, vor allem wurden erstmals die "Lectures on Jurisprudence" veröffentlicht. Dazu kamen Arbeiten, die eine völlige Revision Smiths bedeuteten, von Autoren wie Donald Winch (1978), Knud Haakonssen, Gerhard Streminger, Karl Graf Ballestrem, Daniel Brühlmeier, Charles Griswold.

Neben den "Lectures on Jurisprudence" wurde vor allem "The Theory of Moral Sentiments" (1759) lange vernachlässigt. Für Smith war "Wealth of Nations" nur ein Teil eines Systems der praktischen Philosophie, die Ethik, (Natur)recht und Ökonomie umfaßte. Leider konnte er das verbindende Mittelstück, die "natural jurisprudence", nicht vollenden.

Wie kann "der neue Adam Smith" aussehen? Da Smith Professor für Moralphilosophie war, liegt es nahe, mit seiner "Theory of Moral Sentiments" zu beginnen. Deren zentrale Begriffe sind die Sympathie und die Tugend der Unparteilichkeit. Sympathie umfaßt unsere Teilnahme an den Gefühlen anderer Menschen, etwa Mitleid oder Mitfreude. "Man mag den Menschen für noch so egoistisch halten, es gehören doch offensichtlich gewisse Prinzipien zu seiner Natur, die ihn am Schicksal anderer Anteil nehmen lassen und ihm deren Glück zum Bedürfnis machen, auch wenn er keinen anderen Vorteil daraus zieht als das Vergnügen, es zu sehen."

Egoismus ist also nur ein Aspekt des Menschseins, Sympathie ist viel grundlegender. Wir realisieren, so Haakonssen, "daß wir für andere Menschen Beobachtungsobjekte sind. Diese Einsicht führt zur Selbstbeobachtung und damit zur Bildung des inneren Beobachters, des Gewissens. Aber die Beobachtung unter moralischen Akteuren ist unweigerlich gegenseitig, und Unparteilichkeit ist das Prinzip, das diese Gegenseitigkeit erleichtert."

Smith leitet aus dieser Moraltheorie klare Folgerungen für Gesellschaft und Wirtschaft ab. Egoistischem Verhalten werden durch die Prinzipien Sympathie und Unparteilichkeit klare Grenzen gezogen. Smith wählt das Bild eines Wettrennens, bei dem jeder so schnell rennen darf, wie er kann, "um alle seine Konkurrenten zu überholen. Aber sollte er einen von ihnen niederrennen oder zu Boden werfen, wäre es mit der Nachsicht der Zuschauer ganz und gar zu Ende. Das wäre eine Verletzung des ,fair play', das sie nicht zulassen könnten."

Die Aufgabe des liberalen Rechtsstaates besteht darin, faire Spielregeln festzulegen und ihre Einhaltung durchzusetzen. Hauptproblem ist für Smith dabei nicht der Egoismus, sondern Parteilichkeit und Partikularismus, die das Prinzip der Unparteilichkeit verletzen. Wie Ballestrem gezeigt hat, bedeutet Smiths Kritik am Merkantilismus die Ablehnung der Strategie von Manufakturbesitzern und Händlern, die ihren politischen Einfluß mißbrauchen, um partikulare Interessen in der Außenhandelspolitik durchzusetzen.

Smith glaubte keineswegs an eine natürliche Interessenharmonie. Er sah sehr wohl die Interessengegensätze zwischen Unternehmern und Lohnarbeitern, wobei - um bei Smiths Bild zu bleiben - die einen um Profit, die anderen ums Überleben rennen. Aufgabe der sichtbaren Hand des Staates ist es, annähernd gleiche Regeln für alle festzulegen und die unfairness der Stärkeren zu verhindern: etwa die Neigung der Unternehmer, Löhne trotz steigender Gewinne niedrig zu halten, oder der Kaufleute, den Wettbewerb einzuschränken.

Primat des "Homo ethicus"

Smith schreibt nicht ohne Zynismus: "Geschäftsleute des gleichen Gewerbes kommen selten - selbst zu Festen oder zur Zerstreuung - zusammen, ohne daß das Gespräch in einer Verschwörung gegen die Öffentlichkeit endet oder irgendein Plan ausgeheckt wird, wie man die Preise erhöhen kann."

Für Smith ist es ein Gebot der Gerechtigkeit qua Unparteilichkeit, daß die schwächsten Teilnehmer des Wettrennens durch Intervention des Staates wenigstens ansatzweise gleiche Chancen erhalten, etwa durch Volksschulbildung oder Überwindung der Armut.

Denn es sei "nicht mehr als recht und billig, wenn diejenigen, die alle ernähren, kleiden und mit Wohnung versorgen, soviel vom Ertrag der eigenen Arbeit bekommen sollen, daß sie sich selbst richtig ernähren, ordentlich kleiden und anständig wohnen können."

Das Primat des Homo ethicus vor dem Homo oeconomicus relativiert damit die systematische Rolle von Egoismus und Eigeninteresse in Smiths Analyse. Die invisible hand wird durch die sichtbare Hand des Staates ergänzt, um das "System der natürlichen Freiheit" und annähernd ideale Marktbedingungen zu erreichen: hohe Löhne, niedrige Preise, tendenziell niedrige Profite.

Tradition des Naturrechts

Smith steht in der Tradition des Naturrechts, das er vor allem durch die Verknüpfung mit Geschichte kreativ umformt, ohne bei einem historischen Materialismus oder ethischen Relativismus zu landen. Diese Naturrechtstheorie erlaubt ihm, Kritik an Entwicklungen der commercial society zu üben und maßvolle Änderungsvorschläge zu machen.

So erscheinen Smiths Texte zur politischen Ökonomie in anderem Licht. Sein Werk sollte jedenfalls nicht auf zwei Zitate, auf Arbeitsteilung, Werttheorie und Kritik am Merkantilismus reduziert werden.

Dr. Georg Cavallar unterrichtet am Wiener Wasagymnasium und bereitet derzeit ein Forschungsprojekt über den britischen Imperialismus vor. Bei Ashgate ist seine Habilitationsschrift "The Rights of Strangers. Theories of International Hospitality, the Global Community and Political Justice since Victoria" erschienen.