Der Vogelgesang wird auch durch die Akustik der Umgebung geprägt. Österreichische Forscher lauschen in Venezuela und am Neusiedler See.
Welche Faktoren beeinflussen die Evolution der Pfiffe, Triller und Lieder von Vögeln? Seit gut 30 Jahren arbeiten Forscher an einer Erklärung, bei den Theorien dominiert derzeit der Antrieb der sexuellen Evolution - also etwa das Anlocken eines Geschlechtspartners. Immer mehr Wissenschaftler glauben aber, daß auch andere Faktoren eine Rolle spielen - und zwar ganz profane, physikalische Gesetze. So die akustischen Umweltbedingungen im Lebensraum von Vögeln.
Studien über Vogelgesang wurden bisher vor allem im Labor durchgeführt - und wenn in der Natur draußen, dann mit künstlichen Sinustönen. "Wir haben nun erstmals natürlichen Laute verwendet und uns angeschaut, wie sich verschiedene Laute in der Natur ausbreiten", erzählt Hans Winkler, Leiter des Konrad-Lorenz-Instituts für Vergleichende Verhaltensforschung, einer Einrichtung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Gemessen wurde im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds finanzierten österreichischen Regenwaldprojekts in Venezuela, wo mit einem Baukran die verschiedenen "Stockwerke" des tropischen Waldes erforscht wurden.
Tiefe Töne im Unterholz
Winkler und seine Kollegen nahmen in einer ersten Phase den Gesang von sieben Arten von Ameisenvögeln auf und säuberten diese digital von Nebengeräuschen. Dann wurden diese Töne in verschiedenen Mischungen über Lautsprecher wiedergegeben und die Ausbreitung des Schalls registriert - und zwar in Abhängigkeit von der Höhe über dem Boden und der Entfernung zwischen Lautsprecher und Mikrophon. Das Ergebnis dieser physikalischen Versuche - gemessen wurde etwa die Abschwächung und Verfälschung des ursprünglichen Klanges - wurde verglichen mit dem "Stockwerk", in dem die Vögel jeweils leben.
Es ergab sich ein klarer Zusammenhang zwischen den typischen Liedern, in denen sich eine Vogelart verständigt, und den akustischen Gegebenheiten in einer bestimmten Höhe. In Bodennähe - wo viel Unterholz vorhanden ist - breiten sich tiefere Töne besser aus, Lieder mit einem langsamen Rhythmus breiten sich weiter aus als schnelle Gesänge - was genau den Lautäußerungen jener Vogelarten entspricht, die dort leben. Mit zunehmender Höhe nehmen die akustischen Einschränkungen für die Schallausbreitung ab und andere Faktoren, etwa die sexuelle Selektion, werden wichtiger. "Sehr schnelle Triller kann man sich nur in der Höhe leisten", sagt Winkler.
Bisher wurden Aufzeichnungen für fünf Vogelarten ausgewertet und im Journal of the Acoustical Society of America (110, S. 3263) veröffentlicht. "Derzeit sehen wir uns die Daten von zwei weiteren Arten an, und das Ergebnis ist ganz ähnlich", so Winkler.
Kritik von Kollegen
Wie umstritten jede Erklärung des Vogelgesangs ist, zeigt, daß gleich nach Veröffentlichung Kritik von Forscherkollegen laut wurde. Die britische Ornithologin Kate Buchanan etwa warnte davor, die Ergebnisse überzubewerten: Auch das Verhalten der Tiere könne den Vogelgesang beeinflussen. "Es ist natürlich richtig", sagt Winkler, "daß nicht nur die Ausbreitung den Vogelgesangs prägt. Es gibt auch andere Einflußfaktoren. Wir müssen zum Beispiel auch das Vogelohr einbeziehen, also wie Vögel gewisse Laute wahrnehmen."
Die Abhängigkeit der Kommunikation von Vögeln von der Umwelt wird auch in Österreich erforscht, und zwar am Neusiedler See. Winkler: "Wir wollen untersuchen, wie die Wahrnehmung von Farben von der Umgebung abhängt." Geplant ist auch ein akustischer Teil, in dem die Ausbreitung des Schalles in heimischen Gefilden gemessen wird.