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11.000 Jahre Gastritis: Treuer Erreger

Von Asien nach Amerika: Helicobacter pylori, das Bakterium, das Magengeschwüre auslöst, ist mit den Menschen auch in die Neue Welt gereist. Zur Globalisierung eines Krankheitserregers.

Wohin wir auch reisen, wir nehmen nicht nur unsere Laster und Leidenschaften, Geister und Götzen mit, sondern auch unsere Bewohner: Mikroorganismen, die uns nützen oder schaden. Unsere Globalisierung ist auch eine Globalisierung unserer Krankheitserreger. Als in den fünfziger Jahren erstmals das Immunsystem der Yanomami-Indianer Venezuelas untersucht wurde, hatten Angehörige verschiedener Stämme ganz verschiedene Antikörper im Blut. Jeder Stamm hatte seine eigene Infektionsgeschichte. einer hatte etwa Windpocken hinter sich (und war dagegen immun), ein anderer Influenza. Heute teilen die Yanomami ihre Erreger mit dem Rest der Welt.

Auch den Helicobacter pylori, diesen spiralige Erreger, der als gastrischer Schurke Nummer eins gilt, seit sich vor 18 Jahren der australische Mediziner Barry Marshall absichtlich selbst damit infizierte. Marshall spürte eine Woche nach dem Bakterien-Trunk Magenschmerzen.

Hilfreicher Helicobacter?

Heute schätzt man, daß Helicobacter an zirka 90 Prozent der Magengeschwüre schuld ist. Allerdings nicht allein: In Westeuropa tragen an die 50 Prozent der über Sechzigjährigen den Keim im Magen, in Entwicklungsländern 70 bis 90 Prozent.

Da Helicobacter hauptsächlich "anal-oral", also über Nahrung, die mit Ausscheidungsprodukten in Berührung gekommen ist, übertragen wird, wird er durch steigende Hygiene seltener. Soll man danach trachten, ihn vollständig auszurotten? Die Bedenken wachsen: Helicobacter produziert Substanzen, die andere, schädlichere Bakterien töten, er hilft offenbar gegen Durchfall, von ihm Infizierte haben seltener Speiseröhrenkrebs.

Für eine halbwegs friedliche Koexistenz respektive eine halbwegs respektvolle Koevolution mit dem uns seit seiner Sequenzierung (1997) auch DNA-mäßig gut bekannten Erreger könnte auch sprechen, daß er schon sehr lange in (vielen von) uns wohnt, uns, wie die Biologen sagen, kolonisiert. Das, schreiben Forscher aus Argentinien, Venezuela und USA in PNAS (online 5. 11.), "legt nahe, daß die Kolonisierung für Menschen von Vorteil oder mit nur geringen biologischen Kosten verbunden sein könnte". Gastritis (die tendenziell eher im Alter auftritt) beeinflußt die Fortpflanzung offenbar nicht nennenswert. Sonst wären Gene, die Menschen für Helicobacter anfälliger machen, im Lauf unserer Evolution immer seltener geworden.

Seit mindestens 11.000 Jahren lebe Helicobacter in uns, meinen die Forscher. Spätestens vor 11.000 Jahren nämlich besiedelten Menschen den amerikanischen Kontinent - und mit ihnen Helicobacter. Dafür spricht eine DNA-Analyse von Bakterienstämmen aus den Mägen von zwei Gruppen von Venezuelanern: solchen europäischer oder gemischter Abstammung in der Hauptstadt Caracas, und solchen indianischer Abstammung aus den Wäldern am Amazonas, Angehörige von Stämmen wie den Yanomami.

Mägen sind die Umwelt

Ergebnis: Die Bakterien in den Mägen der Indianer zeigen Merkmale, die für Helicobacter aus Ostasien charakteristisch sind - im Gegensatz zu den Proben aus Caracas, die typisch europäische Muster aufweisen. Europäische Stämme haben in urbanen Regionen offenbar in kaum 500 Jahren die bakteriellen Ureinwohner verdrängt (oder ihnen via horizontalem Gentransfer ihre Gene aufgedrängt). Diese sind mit ihren Trägern vor 11.000 oder mehr Jahren aus Asien über die Beringstraße eingewandert. In den bis heute recht isoliert lebenden Indianerstämmen konnten sie sich halten. Nicht völlig unverändert natürlich: Wie alle Lebewesen machen Bakterien eine Evolution durch, auch dann, wenn der Selektionsdruck der Umwelt gering ist.

Die Umwelt, das sind für Helicobacter alle erreichbaren Mägen (im schlechtesten Fall mit wirksamen Antibiotika drin). Und diese Umwelt hängt von der Dichte und von den Lebensgewohnheiten der jeweiligen menschlichen Population ab. Wenn Erreger schnell von Wirt zu Wirt wandern können, können sie es sich leisten, zu den einzelnen Wirten unfreundlicher, rücksichtsloser, bösartiger zu sein. Das gilt für alle Infektionskrankheiten von Cholera bis Aids: Maßnahmen, die die Ansteckungshäufigkeit verringern, tragen auch dazu bei, den Erreger zu zähmen.

Ganz beschwerdefrei kann es aber wohl nie sein, wenn man von Bakterien kolonialisiert wird, sei es mit asiatischen oder europäischen Urahnen. Es war nicht schwer, die Personen für die Helicobacter-Studie zu finden: Sie waren alle wegen Magenschmerzen in Behandlung.