Sitzfleisch, Selektion und Suche nach der Seele am Semmering

Kreativität folgt in Wissenschaft und Kunst ähnlichen Mustern. Aber warum ist dann nur der Künstler der letzte Unternehmer in Schumpeters Sinn? Antworten und Fragen vom österreichischen Wissenschaftstag.

Mit der Mistgabel in der Asche des Osterfeuers stochernd, den Kopf frei, habe er ein höchst erfolgreiches Meßgerät erfunden: Hans Leopold, Physiker und Erfinder aus Graz, über die Umstände seiner kreativen Funken. Ihr kommen die besten Einfälle unter der Dusche, erzählte Molekularbiologin Ren©e Schroeder: "Dort fließen die Bilder frei", dort habe sie auch schon eine Tafel affichiert.

Sei es im heißen oder im nassen Milieu, vor der Inspiration kommt die Transpiration: Darüber waren sich beide einig beim von der Österreichischen Forschungsgemeinschaft wie jedes Jahr am Semmering veranstalteten Wissenschaftstag. Auch Hermann Nitsch, ebenfalls auf dem Podium, stimmte ein - mit einem hohen Lied auf die Arbeit: Sie sei "das Allerwichtigste" in der Kunst. Durch Arbeit nähere der Künstler sich der "Teilhaftigkeit an der Schöpfung", zugleich der "Propaganda fürs Leben", die wahre Kunst zu sein habe. "Es arbeitet in mir": Komponist Kurt Schwertsik zog die passive Form vor, zitierte aber quasi antithetisch

"Große Kunst ist solche, die
zu möglichst vielen Konzepten in möglichst vielen
Gehirnen paßt."

Neurobiologe Semir Zeki

Brahms: "Wenn das, was in Ihnen steckt, der Sorgfalt und Liebe bedarf, um herauszukommen, dann ist es nicht wert herauszukommen." Und Schwertsik warnte: Zu viel Meditieren im Sitzen könne auch zu Hämorrhoiden führen.

Dort die Arbeit, das Durchprobieren von Möglichkeiten - hier dann doch der Funken, das sprunghafte Neue: Biochemiker Hans Tuppy fand eine Parallele dazu in der Evolution, die ja Neues hervorbringt, darauf können sich Gläubige und Atheisten einigen. Dem Durchprobieren entspreche die Mutation, durch die zufällig, quasi sinnlos neue, meist weniger "fitte" Genotypen entstehen. Der Funke ist die Selektion, bei der eine Mutante sich durchsetzt.

In ganz anderer Umgebung kam das Wort Selektion im funkensprühenden Referat Peter Weibels wieder: Erst in der Auswahl - die schon Interpretation ist - sei der Künstler frei. Woraus wählt er? Aus Möglichkeiten, die ihm ein Algorithmus erzeugt hat, ein streng definiertes Verfahren, exerziert etwa vom Computer. In konkreter Poesie, Zwölftonmusik, aber auch im "Plot" von Komödien sieht Weibel solche Algorithmen. Ein großer Künstler sei jener, der einen neuen Algorithmus schaffe.

Auch hier also die Trennung in quasi mechanische Produktion von Möglichkeiten - entsprechend der Mutation in der Evolution - und der Selektion als wesentlichem Schritt. Diese kann in der Kunst, hier ist Weibel konsequenter Entmythologisierer, auch in den Betrachtern stattfinden. In diesem Sinn hatte

"Ich glaube nicht, daß die graue Suppe im Kopf algo-rithmisch funktioniert."

Physiker Anton Zeilinger zu Peter Weibels geistreichen Versuchen, Kreativität in Algorithmen zu finden.

der britische Neurobiologe Semir Zeki im Eröffnungsvortrag das Sehen als kreativen Prozeß vorgestellt, veranschaulicht in jenen Gehirnbildern, die Geisteswissenschaftler meist dazu provozieren, nach dem Verbleib der Seele zu fragen.

Eine Frage, die auch im interdisziplinärsten Diskurs keiner beantworten kann. Immerhin - und das übersahen manche: In Zekis konstruktivistischen Betrachtungen werden Menschen nicht über einen Kunstkamm geschoren. Große Kunst sei solche, die zu möglichst vielen Konzepten in möglichst vielen Gehirnen paßt, hielt er fest und fand die radikalste Form in Malewitschs schwarzem Quadrat, das allen Hirnen alles erlaubt.

Wohl nicht im Sinn des Kunstwissenschaftlers Manfred Wagners, der nicht nur die Inflation des Wortes "kreativ" geißelte, sondern auch den Begriff in sieben Parametern (Fluidität, Elaboration etc.) fassen wollte, die er in dreidimensionale Diagramme bannt. Zwar wurde nicht so recht klar, was auf deren Achsen steht, doch tolerante Mathematiker verziehen das genauso wie begriffliche Unsauberkeiten des genialischen Weibel. Jedenfalls beklagte Wagner fehlende Kreativität der Rezipienten: Sie sei mit schuld an der geringen Akzeptanz zeitgenössischer Kunst.

Weniger an Akzeptanzproblemen leiden wohl die Unternehmer. Thomas Petersen, Philosoph in Heidelberg, sieht sie als "Genies des Handelns" im Sinn des Volkswirtschaftlers Joseph Alois Schumpeter: Ihre sprunghaften Innovationen zerstören das Gleichgewicht, das die klassische Ökonomie sehen will.

Schumpeter schon sah den kreativen Unternehmer im Verschwinden, verdrängt von anonymen Finanzkapital. Das brachte Weibel zu einer typisch weibelschen Invention: Der Künstler verkörpere als letzter das individuelle Unternehmerbild. Der Wissenschaftler auch? Immerhin: "Wie viele Arbeitsplätze hat Freud geschaffen!"

Ebendas, nämlich Beihilfe zum "Schaffen" von Arbeitsplätzen, erwartet man sich auch heute zumindest von Naturwissenschaftlern. Und so klang auch durch die vergeistigten Höhen immer wieder das Leitmotiv: Wie schafft man ein "kreatives Umfeld"? Hier waren die Ergebnisse eher mager. Emil Brix entnahm seinen Betrachtungen über das Wien um 1900 nicht viel mehr als ein Lob des Kaffeehauses und vage Modebegriffe wie "Flexibilität" und "Vielfalt".

Hans-Jörg Rheinberger analysierte in biochemischen Fallbeispielen die "abscheulichen Küchen", durch die man zu den prachtvollen Sälen akzeptierter Erkenntnisse kommt. Man kann nur sehr ungefähr planen, war der Tenor: "Man sucht Indien und findet Amerika." Immer wieder wurde betont, daß sich Kreativität auch an restriktiven Bedingungen entzünden kann. Doch dieses Rezept funktioniert so wenig wie andere. Die Schüler in "kreativen Zweigen" der Mittelschule zeigten bei Tests auf schöpferisches Denken die schlechtesten Ergebnisse, erzählte Spiel. Wie man's macht, ist's falsch, sagt man in Wien: So leicht läßt sich der schöpferische Geist nicht fangen. Nicht einmal am Semmering.


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