Die Wissenschaftstage Steyr befassen sich mit den Grundlagen des Fortschritts. Der österreichisch-schweizerische Ökonom Ernst Fehr sprach mit der Presse über das Thema.
"So sehr Neoliberale und demokratische Linke heute auch verfeindet sind, sie eint der Gedanke, daß die richtigen Institutionen entscheidend für Wohlfahrt und Wachstum sind." Ernst Fehr, österreichischer Ökonom, derzeit in Diensten der Universität Zürich, führt das Generalthema der heurigen Europäischen Wissenschaftstage Steyr "Wachstum, Werte, Wohlfahrt" auf ein Grundanliegen der Aufklärung zurück: Anstatt die Menschen zu ändern - wie es extreme Linke und Konservativisten wollen - solle man sie lieber so lassen, wie sie sind, und statt dessen die Institutionen ändern, durch die der Handlungsspielraum der Menschen verändert wird.
In den vergangenen 200 Jahren hat die Menschheit erstmals in ihrer Geschichte einen ausgebauten Rechtsstaat installiert, in dem Institutionen geschaffen wurden, die auch die wirtschaftliche Entwicklung drastisch beeinflußten, erläutert Fehr im Gespräch mit der "Presse". Die Palette an Institutionen ist dabei weit gestreut: von Einrichtungen, die den Arbeitsmarkt beeinflussen - etwa der Arbeitslosenversicherung - über die exakte Definition von Eigentumsrechten bis hin zu Institutionen, die die Durchsetzung von Verträgen ermöglichen. Erst solche Institutionen erlaubten eine "glaubwürdige Selbstbindung" der Akteure, sagt Fehr.
Das "große Puzzle" sei freilich, wie Institutionen entstehen konnten. "Wie konnten sich die Menschen darauf einigen, für öffentliche Güter zu zahlen?", fragt Fehr. Bei seiner Antwort kommt der Mensch ins Spiel. "Der Mensch ist ein prosoziales Wesen. Zusätzlich zu seinem Egoismus handelt er auch sozial", ist er überzeugt.
Die Untermauerung dieser These stammt aus Fehrs Spezialgebiet, der experimentellen Ökonomie, bei der Versuchspersonen im Labor bestimmte Entscheidungen treffen müssen. Bei einem klassischen Experiment wurden Menschen vor eine einfache Wahl zwischen zwei Möglichkeiten gestellt: Sie konnten entweder selbst drei Euro bekommen, wobei gleichzeitig auch ein anderer drei Euro erhielt; oder sie konnten drei Euro für sich selbst beanspruchen und den anderen leer ausgehen lassen. Das Ergebnis: Weit über 90 Prozent wählen die zweite Option, ließen also die Mitmenschen partizipieren.
Auf Basis dieser spezifisch menschlichen Eigenschaft - bei Tieren ist ein derartiges Verhalten unbekannt - konnten also gesellschaftliche Einrichtungen entstehen, von der alle profitieren. "Wenn es nur Egoisten geben würde, dann ist das nicht erklärbar", so Fehr. Nach der Etablierung von Institutionen kommt es zu einer positiven Rückkopplung, durch die weitere prosoziale Wirkungen ausgelöst werden. Mit anderen Worten: Die soziale Natur des Menschen wird durch Institutionen weiter verstärkt.
In der Institutionen-Ökonomik, die sich in den vergangenen 15 Jahren als eigene Wissenschaftsdisziplin herausbildete, spielen weltanschauliche Fragen nur ein geringe Rolle - ansonsten teilen politische Meinungsverschiedenheiten die Ökonomen in zwei verfeindete Lager.
Transformation Osteuropas
"Im Prinzip wissen wir, welche Institutionen besser sind als andere. Niemand sagt heute, gehen wir zurück zu dem Status vor Vertragsdurchsetzungsinstitutionen", sagt Fehr. Im Detail wird allerdings noch heftig gestritten, beispielsweise darüber, welcher Mix zwischen "Privat und Staat" optimal ist.
Ein absoluter Laissez-faire-Ansatz, nach dem sich Institutionen von selbst herausbilden, sei freilich "naiv". Fehr: "Natürlich ist es richtig, daß der Markt ein sehr gutes Entdeckungsverfahren ist." Aber öffentliche Güter schaffe der Markt eben nicht von selbst. Drastisch vor Augen geführt wurde das in den 90er Jahren bei der Transformation Mittel- und Osteuropas von der Plan- zur Marktwirtschaft. Der Gedanke "Schaffen wir Märkte, dann läuft alles andere von allein" sei einfach zu kurz gedacht gewesen, so Fehr. Ohne wohldefinierte Eigentumsrechte und einen unparteiischen Rechtsstaat funktionieren die Märkte schlecht. Das Ergebnis ist unter anderem eine rasende und kaum ausrottbare Korruption.