Ähnlich oder verschieden - was ziehen Menschen und Tiere in der Wahl ihrer Sexualpartner vor? Gibt es eine biologische Basis für Exogamie? Hatte Freud gar doch recht? Neue Ergebnisse zeigen, daß die Biologie der Partnerwahl komplizierter ist als oft angenommen.
"Gegensätze ziehen einander an" oder "Gleich und gleich gesellt sich gern": Mit welcher Binsenweisheit läßt sich die Wahl von Sexualpartnern bei Menschen und/oder Tieren besser beschreiben? Auf das erste Sprüchlein paßt eine der wohl populärsten Theorien der neueren biologischen Forschung, die sich kurz so schildern läßt: Säugetiere - und auch Menschen - suchen nach Partnern, deren Immunsystem - genauer: deren MHC-Gene - dem ihren möglichst wenig ähnlich ist. Der Grund dahinter: Je unterschiedlicher die MHC-Gene der Eltern, umso variabler sind die Kinder in ihrer Immunabwehr gegen Krankheitserreger. Wie erkennt man, welche MHC-Gene ein potentieller Sexualpartner hat? Am Geruch, etwa in den berühmten Versuchen mit getragenen T-Shirts, die Claus Wedekind an der Universität Bern durchgeführt hat.
So einleuchtend diese Theorie scheint, sie ist nicht unerschütterlich. Eine Arbeit eines Teams um Martha McClintock an der University of Chicago - natürlich auch mit getragenen T-Shirts - ergab nun geradezu das Gegenteil (Nature Genetics, 30, S. 175): Frauen ziehen demnach die Gerüche von Männern vor, deren MHC-Gene den ihren ähnlich sind. Mehr noch: Die Gen-Varianten, deren Ähnlichkeit mit den eigenen offenbar sympathisch wirkt, sind die vom Vater, aber nicht die von der Mutter geerbten.
"Das ist kein Freudscher Ödipuskomplex", kommentiert der New Scientist (2327, S. 13). (Sigmund Freud sprach ja auch im Fall der Tochter-Vater-Beziehung von Ödipuskomplex, erst C. G. Jung prägte den Ausdruck Elektrakomplex dafür.) Was ist es dann? Wedekind hat seine T-Shirt-Versuche auch so interpretiert, daß die Abneigung gegen allzu ähnliche MHC-Gene vor der Entscheidung für einen im allgemeinen genetisch allzu ähnlichen Partner, also vor Inzucht, warnen soll. Sprechen McClintocks Arbeiten jetzt für das Gegenteil, sozusagen für den "genetischen Appeal" von Cousins respektive Cousinen?
Inklusive Fitness
"Hier spielen offenbar verschiedene biologische Faktoren mit", meint Karl Grammer, Humanethologe in Wien, dazu: "Einerseits ist die Variabilität des Immunsystems gewiß von Vorteil. Die Erklärung McClintocks, daß sich das Immunsystem des Vaters eben gut bewährt habe, glaube ich nicht. Ein Immunsystem bewährt sich nicht ein für allemal, sondern muß möglichst variabel sein, da sich die Krankheitserreger ja auch dauernd verändern."
Andererseits, so Grammer, spiele aber auch die "inklusive Fitness" eine Rolle. Darunter verstehen die theoretischen Biologen, daß es - vom Standpunkt der Gene gesehen - vernünftiger ist, in Nachkommen zu investieren, die einem genetisch ähnlicher sind. Dazu passe auch, daß Menschen oft besser mit Partnern auskommen, die ihnen ähnlich sind. Ein Kompromiß also: "Möglichst gleich und doch anders" (Grammer).
Ein Ausweg, der auch gut zu Ergebnissen Grammers paßt, bietet sich noch an: die sogenannte doppelte Strategie von Weibchen respektive Frauen, die von den biologischen Vätern ihrer Kinder andere Tugenden erwarten als von den sozialen Vätern. Salopp gesagt: Ein One-Night-Stand-Mann, der nur ein Kind zeugt, soll attraktiv und sexy sein, muß aber keine partnerschaftlichen Qualitäten aufweisen. Könnte es sein, daß die unbewußte Beurteilung des Immunsystems durch die Nase ähnlichen Kriterien folgt? Daß unterschiedliche MHC-Gene einen Mann als biologischen Vater geeignet erscheinen lassen, während ähnliche MHC-Gene ihn eher als Lebens(abschnitts)-partner oder gar nur als sozialen Gefährten qualifizieren?
Totem und Tabu
Grammer will sich da nicht festlegen. Man müsse die Versuche McClintocks auch noch einmal überprüfen. Er selbst könne in Wien leider keine MHC-Studien machen: "Wir können uns das einfach nicht leisten." Eine Interpretation la "Freud hatte doch recht, und Mädchen begehren ihren Papa" lehnt er jedenfalls strikt ab: "Das ist doch Unsinn. Man braucht keine psychoanalytischen Modelle, wenn die bewährte Theorie der inklusiven Fitness das gut erklärt."
Diese Ablehnung der Freudschen Theorien teilt Grammer mit etlichen Biologen, die ja besonders auf "Totem und Tabu" mit Hohn reagieren: Freuds These vom Inzestverbot als dem grundlegenden Tabu - und strikter Exogamie (Ehepartner nur von außerhalb der Gruppe) als daraus folgender Ordnung in primitiven Gesellschaften - scheitere daran, daß ein entsprechendes Verlangen gar nicht existiere, daß Menschen wie Tiere ganz im Gegenteil vor Inzucht zurückschreckten. Ein wenig erinnert dieses Abkanzeln der Freudschen Theorien an die von Friedrich Torberg überlieferte ungeduldige Reaktion Alfred Adlers auf einen Patienten, der partout an den eigenen Ödipuskomplex glauben wollte: "Also bittschön, was wollen S' denn eigentlich von der alten Dame?"
Differenzierter sah das etwa der Evolutionsbiologe Jared Diamond: "Der Grund dafür, warum wir unserem Partner tendenziell ähneln, liegt darin, daß viele von uns jemanden suchen, der uns an einen Elternteil oder ein Geschwister erinnert, das wiederum Ähnlichkeiten mit uns hat. Schon als Kinder beginnen wir, ein Suchbild des künftigen Sexualpartners zu entwickeln, und dieses Bild wird stark von denjenigen Personen des anderen Geschlechts beeinflußt, die wir am häufigsten zu Gesicht bekommen."
In diese Richtung gehen auch Studien des schottischen Psychologen David Perrett (New Scientist, 2328, S. 26). Er untersuchte die Reaktion von Testpersonen auf Bilder von Gesichtern - und zwar im speziellen ihres eigenen Gesichts, das via Computer sozusagen einer Geschlechtsumwandlung unterzogen worden war.
Attraktive eigene Züge
So sahen sich Männer selbst als Frauen und Frauen als Männer - und sie fanden das Ergebnis ausgesprochen attraktiv. Man könnte vom "Mick-Jagger-Syndrom" sprechen: Dem Rolling-Stones-Sänger wurde ja einst unterstellt, er sei dermaßen selbstverliebt, daß er sich für seine erste Ehefrau Bianca deshalb entschieden habe, weil sie ihm so auffällig ähnlich sah.
Doch Perrett liebäugelt eher mit einer Erklärung, die er selbst "freudianisch" nennt: Die Testpersonen seien von dem Gesicht nicht angezogen, weil es ihnen selbst, sondern weil es dem jeweils andersgeschlechtlichen Elternteil ähnle. Diese These will er mit anderen Ergebnissen erhärten. So ergab eine Studie, daß etwa Frauen mit einem relativ alten Vater sich eher für älter aussehende Männer erwärmen können, das entsprechende gilt für Männer. Und einer seiner Kollegen hat erste Hinweise darauf, daß Menschen die Augenfarbe am attraktivsten finden, die der jeweils andersgeschlechtliche Elternteil hatte.
Der bewährte Vater
Ein Fall von sozialem Lernen? Prägung im weitesten Sinn? Die "harten" Biologen sind mit einer so wenig darwinistischen Erklärung nicht zufrieden - und fragen nach den Vorteilen. Dabei landen sie wieder bei der Frage, ob die Wahl eines möglichst von einem selbst verschiedenen Partners wirklich immer biologisch am günstigsten ist. Was ihnen dabei an Argumenten einfällt, klingt öfters ein wenig an den Haaren herbeigezogen. So meinte der Biologe Bill Amos: "Das Verlangen einer Frau nach einem Mann, der aussieht wie ihr Vater, wird zu einer guten Strategie, denn: Wenn die Frau das Stadium erreicht hat, in dem sie einen Partner sucht, dann war ihr Vater offensichtlich erfolgreich in der Fortpflanzung."
Es sei denn, es lastet - wie im Fall der armen Elektra (oder des armen Ödipus) - ein Fluch auf der Familie, könnte man etwas boshaft hinzufügen. Und jedenfalls konstatieren: Es wird noch viele ungewaschene T-Shirts und computermanipulierte Gesichter brauchen, bis sich die Humanethologen darüber einig sind, ob und warum sich die Menschen manchmal doch so verhalten, wie der alte Freud es beschrieben hat.