Klonende "Götter": Die Behauptungen und Lehren der amerikanischen Raelianer-Sekte verleihen - bei aller Skurrilität - einer alten Frage neue Aktualität: Wie zieht man Grenzen zwischen Naturwissenschaft und Religion?
Wer braucht denn die Evolution? Wenn es doch kluge Außerirdische gibt, die vor 25.000 Jahren alles Leben auf der Erde geschaffen haben! Diese Lehre, die die gerade erst durch angebliches Klonen eines Menschen auffällig gewordene Rael-Sekte verficht, kommt uns wohl zurecht absurd vor.
Sie ist aber auch eine plumpe und böse Parodie auf Offenbarungsreligionen, die sich nicht der Mühe der Entmythologisierung unterzogen haben. Die Kreationisten - fundamentalistische Christen, die darauf bestehen, die Bibel wörtlich zu nehmen - argumentieren nämlich ganz ähnlich: Wer braucht denn die Evolution? Wenn wir doch in der Bibel lesen, wann und wie Gott alle Lebewesen erschaffen hat!
Hinter den - in manchen Bundesstaaten und vor allem Schulen der USA durchaus erfolgreichen - Kämpfen der Kreationisten steckt auch die Angst vor der umgekehrten Frage: Wer braucht denn Gott? Wo uns doch die Evolutionslehre erklärt, wie sich alle Lebewesen aus unbelebter Materie entwickelt haben!
Gott als "Lückenbüßer"
Viele aufgeklärte Gläubige lassen sich auf ein Rückzugsgefecht ein: Nun, die Wissenschaft könne wohl manches, ja vieles erklären, aber da seien doch noch Lücken, in der Entstehung der Arten etwa, in der Frage, wie sich komplizierte Organe wie das Auge gebildet haben, in der Erklärung, wie die Sprache, das Bewußtsein entstanden sind . . .
Ein Rückzugsgefecht, wie gesagt. Denn viele der Lücken, die einst klafften, sind heute gefüllt, ohne daß man dazu das Gebäude der Evolutionslehre verlassen mußte. Auch ist der Glaube an einen "Lückenbüßer-Gott", der halt dort einspringt, wo die Wissenschaft (noch) nicht weiter weiß, ein armseliger Glaube.
Daß die Biologie im Füllen solcher Lücken seit einigen Jahrzehnten so erfolgreich ist, ist anderseits der Grund für das mitunter etwas naiv anmutende anti-metaphysische und anti-religiöse Pathos mancher Biologen. "Sire, ich brauche diese Hypothese nicht": Nobelpreisträger Francis Crick zitierte diese stolze Antwort von Pierre-Simon Laplace auf die Frage Napoleons, wo denn Gott im Planetensystem noch Platz habe - in seinem Buch mit dem ebenso stolzen Titel "Was die Seele wirklich ist". Nichts als Materie, klar, und die kennen und verstehen wir ja, nicht wahr?
Ein so felsenfester, hausbackener Materialismus ist unter - vor allem theoretischen - Physikern derzeit sehr selten. Was auch daran liegt, daß das (ungeschriebene) Buch mit dem Titel "Was die Materie wirklich ist" wohl einen metaphysischen Einschlag hätte. Wer auf Superstrings spielt, hat sich von der "gesund" sensualistischen Einstellung eines ungläubigen Thomas weit entfernt.
"Theory of Everything"
Diese - womöglich unumkehrbare - Entfernung von der Empirie, verbunden mit plakativen Zielvorstellungen wie der einer "Theory of Everything", erschüttert aber auch einen praktischen Grundsatz der Naturwissenschaft. Den nämlich, ihr Terrain von dem der Religionen strikt zu trennen, ganz im Sinn des Jesus-Worts "Mein Reich ist nicht von dieser Welt". Dem Forscher, was des Forschers ist . . .
Spielerisch hat schon Albert Einstein an dieser Trennung gerüttelt, pathetischer dann Stephen Hawking, der im Schlußsatz seiner "Kurzen Geschichte" der menschlichen Vernunft zumindest im Konjunktiv die Fähigkeit zusprach, "Gottes Plan zu kennen". Weniger berühmt wurde das 1995 vom - in seinem Fach durchaus seriösen und anerkannten - Physiker Frank Tipler veröffentlichte Buch "Physik der Unsterblichkeit".
Tiplers These, kurz gefaßt: Die Physik befaßt sich mit allem, was es gibt; wenn es Gott gibt, ist er also Gegenstand der Physik - und die Theologie ein Teilbereich der Physik.
Tipler fand seinen Gott dann - in Anlehnung an Teilhard de Chardin - im "Omega-Punkt", in dem das Universum endet. Noch vor Erreichen dieses Punkts werde eine Art Computer entstehen, der alle Information des Universums enthält, auch die über alle vergangenen Lebewesen. Diese könnten dann "emuliert", virtuell rekonstruiert werden, was, so Tipler, einer persönlichen Unsterblichkeit aller Menschen gleich komme. Im Omega-Punkt nämlich, der ewig, allwissend und allmächtig sei. - Von der Singularität, über die man gar nichts weiß, bis zum Gott, der alles weiß: eine wundersame Karriere für einen Punkt. Einem einsamen Punkt, könnte man höhnisch hinzufügen, fällt es leicht, Transzendenz und Immanenz in sich zu versöhnen, er kennt und braucht kein Außen.
Hawking, der Ontologe
Ähnlich "argumentierte" im Grunde Stephen Hawking, als er sein Modell eines Universums ohne Randbedingungen so interpretierte, daß dieses "völlig in sich abgeschlossen" sei und daher einfach SEI. Mit der Großschreibung dieses Wortes machte Hawking ganz klar, daß es ihm um Ontologie im philosophischen Sinn ging - und natürlich um die Feststellung, daß es "außerhalb" des Universums keinen Platz für Gott geben kann.
Hawkings Modell war eines unter vielen und ist längst nicht mehr up-to-date. Heute gewöhnt sich die Kosmologie an die - begrifflich etwas krude - Idee von mehreren Universen, die nebeneinander existieren, wobei das Wort "nebeneinander" impliziert, daß sie sich sozusagen in derselben Raumzeit aufhalten, also streng genommen ohnehin nur ein Universum sind. Das klingt verteufelt nach Immanuel Kants unauflösbaren Antinomien der reinen Vernunft, und in solche dürften, die Prophezeiung sei gewagt, etliche Fragen der Kosmologie münden.
Ohne Raum und Zeit?
Anders gesagt: Die theoretischen Physiker werden wohl immer häufiger zugeben müssen, daß ihnen die Begriffe entgleiten. Auch sie können sich zum Beispiel nichts außerhalb von - oder vor - Raum und Zeit vorstellen: Eine raum- und zeitlose Mathematik kann über diesen konstitutionellen Mangel nur scheinbar helfen.
So sind sowohl die skurrile "wissenschaftliche" Lehre der Raelianer-Sekte als auch die physikalische Theologie des Frank Tipler - wenn auch auf sehr unterschiedlichem Niveau - abschreckende Beispiele dafür, was passiert, wenn man die wirklich relevanten Grenzen der Naturwissenschaft nicht akzeptieren will.
Diese verlaufen nämlich nicht zwischen dem ("unserem") Universum und einem räumlich, zeitlich oder sonstwie definierten "Außen", auch nicht zwischen dem, was wir schon wissen, und den Lücken, also dem, was wir noch nicht wissen. Sondern zwischen dem, was unser Verstand fassen kann, und dem, was dessen Kapazität übersteigt.
"Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen", schrieb Heinrich Heine. Das Unfaßbare überlassen wir der Religion: Diesen Verzicht können die Naturwissenschaftler wohl unterschreiben. Zumindest alle, die nicht Raelianer im Geiste sind.