Bye-bye, leeres Blatt: Universelle Grammatik, Schachteln der Sätze

Der Spracherwerb beginnt bald nach der Geburt: Offenbar ist mehr im Gehirn programmiert, als man lange dachte. Ist das die universelle Grammatik? Über die Grundlagen einer einzigartigen Fähigkeit der Menschen.

"Nehmen wir an, daß der Verstand ein weißes Blatt Papier ist, bar aller Zeichen, ohne irgendwelche Ideen", schrieb der englische Philosoph John Locke (1632 bis 1704) und fragte: Wie wird das Blatt beschrieben? Seine Antwort: nur durch die Erfahrung. Diese These, oft unter dem lateinischen Schlagwort "Tabula rasa", ist bis heute vor allem bei manchen Soziologen, aber auch Pädagogen beliebt, als eine radikale Antwort auf die Frage, die sich auf englisch elegant als "Nature or nurture?", auf deutsch plumper als "Vererbt oder erworben?" stellt.

Der US-Neurolinguist Steven Pinker attackiert diese These in seinem neuen Buch "The Blank Slate" (eine wörtliche Übersetzung von "Tabula rasa") ausführlich, gemeinsam mit zwei anderen, in seinen Augen eng verwandten Thesen: jener vom edlen Wilden (der erst durch die Kultur "verdorben" wird) und jener vom "Ghost in the Machine", von der vom Körper trennbaren Seele, die das maschinelle Gehirn steuert.

Utopie versus Tragik

Pinkers Polemik zur Conditio humana erstreckt sich weit hinein ins Politische, bis zum Versuch des bekennenden Liberalen, den Links-rechts-Antagonismus als ewigen Streit zwischen einer "utopischen" und einer "tragischen Vision" zu zeichnen. Das Buch wird gewiß auch im deutschen Sprachraum die Debatten schüren. Vor allem aus den Reihen der Konstruktivisten ist erbitterter Protest zu erwarten: Wer etwa glauben mag, daß alle nicht rein anatomischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nur "soziale Konstruktionen" sind, wird mit Pinker keine Freude haben.

Am überzeugendsten ist Pinker, wo er bei seinem Leisten, also bei der Neurolinguistik, bei der Theorie des "Language Instinct" (Buchtitel) bleibt. Etwa wenn er argumentiert, daß ein in alle Richtungen offenes, frei programmierbares, völlig "plastisches" Gehirn nie so schnell und erfolgreich eine Sprache lernen könnte wie ein doch schon strukturiertes, das auf den Input von außen wartet.

Tatsächlich häufen sich die Indizien dafür, daß der Spracherwerb von Menschen früher beginnt, als man lange glaubte. So berichten Pariser Forscher um Ghislaine Dehaene in Science (298, S. 2013), daß schon drei Monate alte Babys sprachliche Eindrücke in denselben Hirnarealen verarbeiten wie Erwachsene. Gemessen haben sie das mit Magnetresonanzmethoden - ohne den Kleinen Unbehagen zu bereiten, wie sie versichern.

Die Sprache sitzt links

Die Sprache ist ja eine jener menschlichen Fähigkeiten, die im Gehirn asymmetrisch repräsentiert sind: auf der linken Seite nämlich. Diese Einseitigkeit ist offenbar bald nach der Geburt ausgeprägt: Sowohl der - mit Bedeutungen befaßte - Gyrus angularis als auch der Teil des oberen Schläfenlappens, den die Forscher Wernicke-Zentrum nennen und für das Verstehen von Sprache verantwortlich machen, sind bereits bei dreimonatigen Babys spezifisch beim Hören gesprochener Worte aktiv.

Dafür, daß sich im Gehirn schon einiges tut, spricht auch, daß so kleine Kinder bereits zwischen der Muttersprache und anderen Sprache unterscheiden können. Wie man dergleichen feststellt? Durch standardisierte Beobachtung der Signale, mit denen Babys ihre Aufmerksamkeit beziehungsweise ihre Langeweile ausdrücken. Jedenfalls seien die Ergebnisse reproduzierbar, versichern die Forscher.

Ist auch das zweite namhafte Sprachzentrum im Hirn, das Broca-Zentrum, schon in jungen Monaten aktiv? Nein, sagt Dehaene: Dieses für die Grammatik zuständige Areal sei ja auch bei Erwachsenen beim Zuhören nur dann tätig, wenn ihnen verschachtelte Satzgefüge zugemutet werden.

Evolution der Syntax

Die Möglichkeit beziehungsweise Fähigkeit, Sätze nach Regeln zu bauen - und auch zu verschachteln -, ist jedenfalls zentral für die menschliche Sprache. Daß sie erst später im Leben - mit etwa zweieinhalb Jahren - verwirklicht wird, spricht nicht dagegen, daß sie in ihren Grundzügen genetisch programmiert ist. Diese Grundzüge sind es, die der große Sprachforscher Noam Chomsky - der als engagierter "Linker" über manche neueren politischen Ansichten seines Schülers Pinker übrigens nicht sehr froh sein dürfte - "universelle Grammatik" nennt.

Chomsky selbst hat sich stets geweigert, auf die Fragen einzugehen, wie denn die universelle Grammatik genetisch fixiert sei - und wie und wann sie in der Evolution entstanden sei. Daß die Entstehung der Sprache für die Evolution des Menschen wesentlich war, ist unbestritten. "Das Interessanteste, was sich in den letzten 600 Millionen Jahren entwickelt hat" (seit den Anfängen der Vielzelligkeit also) nennt Martin Nowak, österreichischer Mathematiker in Princeton, die Sprache: Er arbeitet an einem evolutionären Modell der universellen Grammatik, also an einer Theorie, wie diese durch Mutation und Selektion entstanden sein könnte.

Was an der menschlichen Sprache ist unbestreitbar einzigartig? Was können Menschen, aber weder Delphine noch Papageien, noch Hunde, noch Schimpansen? In einem langen Artikel in Science (298, S. 1569) haben Chomsky und Mitarbeiter dieses Thema neu aufgerollt. Ihre Antwort mag für manche nach Rückzugsgefecht klingen: Die "Sprachfähigkeit im engen Sinn" sei auf die Fähigkeit zur Rekursion zu reduzieren.

Unendlich viele Sätze

Unter Rekursivität verstehen Linguisten den Aufbau einer potentiell unendlichen Menge von Sätzen aus endlich vielen Regeln. Sätze bestehen aus diskreten Einheiten (es gibt Sätze aus sechs oder sieben, aber nicht aus 6,5 Wörtern) und ihre Länge ist - theoretisch - unbeschränkt: "In dieser Hinsicht", so Chomsky, "ist die Sprache direkt analog zu den natürlichen Zahlen."

Wie baut man aus endlich vielen Wörtern und Regeln unendlich viele Sätze? Durch Verschachtelung, durch Rekursion im ursprünglichen Sinn, dadurch also, daß man in einen Satz eine Variation ebendieses Satzes einfügt und so weiter: "Sie glaubt, daß er glaubt, daß sie weiß, daß er weiß, daß . . ."

Wenn die Anzahl der Sätze unendlich sei, schreibt Pinker, "dann ist auch die Anzahl an möglichen Gedanken und Absichten unendlich". So sei die Sprache "ein paradigmatischer Fall für die Unbeschränktheit (Open-endedness) des Verhaltens": Eine universelle Grammatik erzeugt kulturelle Vielfalt. Mit Worten läßt sich, wie Mephisto wußte, ein System bereiten: Es wird immer klarer, wie untrennbar das Denken des Menschen mit seiner Sprache verbunden ist, mit der Sprache. Wir kennen nichts Vergleichbares.

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