Der Dreizack paßt in die Löcher im Schädel: Das Zeugnis des Friedhofs der Gladiatoren

In Ephesos gefundene Knochen belegen Training, Kampf und Tod von Gladiatoren. Wiener Forscher untersuchen sie - und haben eine Schau über den "Tod am Nachmittag" gestaltet.

Vier Löcher, quadratisch angeordnet, in einem 1800 Jahre alten Oberschenkelknochen: das Zeugnis eines öffentlichen Kampfes. Das Instrument: ein Vierzack, wie er bisher als Kultgegenstand galt. "Bisher kannte man den kubischen Vierzack nur aus Reliefdarstellungen, nun wissen wir sicher, daß er eine Gladiatorenwaffe war", erklärt Karl Großschmidt vom Wiener Institut für Histologie.

Großschmidt hat gemeinsam mit Fabian Kanz Knochen analysiert, die 1993 bei einer Grabung des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) gefunden worden waren: im ehemaligen Ephesos, etwa 300 Meter östlich vom Stadion, im Winkel zwischen einer Durchzugstraße und dem Prozessionsweg vom Artemistempel zur Stadt. Nicht nur die vier Löcher sprechen eine eindeutige Sprache: Es handelt sich um einen Friedhof für Gladiatoren - und deren Angehörige: Unter den zirka 120 Menschen, von denen die Gebeine stammen, waren auch Frauen und Kinder.

Ordentliche Gräber, gar Ehrengräber für Gladiatoren, diese Ausgestoßenen der römischen Gesellschaft? Widerspricht das nicht überlieferten Verfügungen, die den Schwertkämpfern - wie Zuhältern und Selbstmördern durch Erhängen - das Recht auf Bestattung absprachen? Die Popularität der siegreichen Gladiatoren konnte solche Verbote sprengen. Und wie viele Römer waren auch manche Gladiatoren in Berufsvereinen ("collegia") organisiert, in die sie regelmäßig ein "funeraticium" einzahlten und die dann das Begräbnis übernahmen. Bei anderen sprangen wohl Stiftungen oder die Leiter der Gladiatorenschulen ein.

Belegt sind die ersten Gladiatorenkämpfe in Ephesos für das Jahr 69 v. Chr. Im Zug der Romanisierung des griechischen Ostens wurden später auch dort solche Schauspiele als Teil des Kaiserkults veranstaltet.

Kämpfe knapp vor der Wahl

Formell wurden sie - im Gegensatz zu Rom - nicht vom Kaiser selbst ausgerichtet, sondern vom "archiereus" (Oberpriester des Kaiserkults). Tatsächlich waren die Veranstalter ("agonotheten") meist private Sponsoren, die sich, so Fritz Krinzinger vom ÖAI, "solche Prestigeprojekte viel kosten ließen". Und es gab genügend reiche Menschen in Ephesos: Die Hauptstadt der Provinz Asia war auch Finanzzentrum. Verschränkung mit der Politik war selbstverständlich: Kämpfe fanden knapp vor Wahlen statt.

Was erzählen nun die Knochen der Kämpfer? "Wir konnten in der Literatur beschriebene Tötungsarten mehrfach aus Knochenverletzungen belegen", erklärt Kanz. Etwa den Halsstich, für den der Unterlegene vor dem Sieger knien mußte und noch durch Regungslosigkeit ein letztes "exemplum virtutis" bieten sollte.

Spuren des Trainings

Mehrfach wurden Spuren eines Dreizacks gefunden. Eine solche, im ehemaligen Hafenbecken von Ephesos gefundene Waffe paßt auch perfekt in die drei Löcher in einem Schädelknochen. Offenbar wurden die Dreizacke, die ja im Gegensatz zum Vierzack auch zivil (beim Fischfang) verwendet wurden, standardmäßig hergestellt.

Der Vierzack, so Kanz, führte kaum zu schnellem Tod, sondern riß Fleischwunden. So paßt diese Waffe zu einem Trend: Die Kämpfe wurden immer länger und grausamer.

Subtiler sind die Spuren, die das intensive Training hinterlassen hat: verdickte Ansatzstellen der Sehnen, Bänder und Muskeln, Abdrücke der Lederriemen, an denen die Schilde getragen wurden, aber auch asymmetrisch verlängerte Knochen, wie sie für Leistungssportler typisch sind.

Die von Zeitgenossen gepriesene medizinische Versorgung der Gladiatoren wird durch gut verheilte Knochenbrüche bezeugt. Kanz und Großschmidt glauben sogar, eine Amputation nachweisen zu können, die der Patient überlebt hat.

Weitere Analysen werden folgen: so eine Bestimmung der im Knochen enthaltenen chemischen Elemente am Institut für Analytische Chemie der Uni Wien. Das soll Hinweise auf die Ernährung der Gladiatoren bringen. Laut Literatur erhielten die Schaukämpfer spezielle, an Kohlenhydraten reiche Kost mit viel Bohnen und Gerste, was ihnen die Spottbezeichnung "hordearii" (Gerstenfresser) eintrug. Auch das verlängerte die Kämpfe: Fettschichten verhinderten, daß Schnittwunden gleich die Muskulatur mit Blutgefäßen und Nervenbahnen erreichen.

Auch solche medizinischen Befunde stellen Großschmidt und Kanz, die 1988 schon die Mumien-Schau im Wiener Kunsthistorischen Museum gestaltet haben, derzeit im Ephesos-Museum aus. Doch "Tod am Nachmittag" beleuchtet das gesamte Phänomen der Gladiatorenkämpfe. "Es gibt nichts Vergleichbares", sagt Kanz über diese: "Diese Brutalität, daß ein Zirkuspublikum entscheidet: ,Der wird jetzt abgestochen!', das ist einzigartig."

Die Ausstellung "Gladiatoren in Ephesos, Tod am Nachmittag" im Ephesos-Museum Selcuk läuft bis April 2003. Info: Wr. Tel.-Nr. 4277-61333

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