Auch wenn erst wenige Infektionen bestätigt sind: Milzbrand ist der aktuelle Schrecken der westlichen Welt. Das sehr dauerhafte Bakterium wird schon seit Jahrzehnten für biologische Waffen - aber auch zur Entwicklung von Impfstoffen gegen Milzbrand - gez
In den zwanzig Jahren, in denen wir als ,Anthrax` bekannt sind, haben wir nie geglaubt, was unser Name einmal bedeuten würde": Die nicht mehr ganz junge, aber noch recht laute US-Heavy-Metal-Band "Anthrax" sah sich dieser Tage zu kleinlauten Sätzen genötigt. Hier wollen auch Schwermetall-Gemüter nicht mehr mit der Angst kokettieren: Die Krankheit, die auf deutsch viel drastischer "Milzbrand" heißt, ist das aktuelle Schreckgespenst der westlichen Welt.
Am Montag sprach US-Gesundheitsminister Thomas Thompson von zwölf Personen, die mit dem Milzbrand-Erreger Bacillus anthracis nachweislich in Berührung gekommen sind (was man an den als Reaktion gebildeten Antikörpern sieht) oder tatsächlich erkrankt sind. Darunter sollen sowohl Fälle von Lungen- als auch von Hautmilzbrand sein. Das spricht nicht für völlig unterschiedliche Quellen des Bazillus - denn diese beiden Formen werden vom gleichen Erreger ausgelöst, den Unterschied macht die Art der Infektion. Milzbrand ist auch keine typisch menschliche Krankheit, sondern unter Säugetieren - besonders Schweinen und Rindern - verbreitet.
Haut, Lunge oder Darm?
So stecken sich Tierärzte und Züchter bisweilen mit Hautmilzbrand an - einfach durch äußerliche Berührung. Zwei bis drei Tage nach der Infektion bilden sich - meist schmerzlose - Karbunkel, dazu kommen freilich allgemeine Krankheitserscheinungen. Bei rascher Behandlung mit Antibiotika sind die Heilungschancen gut.
Seltener und gefährlicher ist der Lungenmilzbrand, der durch Einatmen des Bazillus - am effizientesten in Form eines feinen Aerosols - ausgelöst wird. Seine Symptome ähneln denen einer Lungenentzündung, doch er führt auch bei hohen Gaben von Antibiotika oft zum Tod. Antibiotika - etwa das in diesen Tagen als "Cipro" berühmt gewordene Ciprofloxacin, aber auch Doxycyclin oder das altgediente Penicillin G - müssen jedenfalls über Wochen verabreicht werden, da die Sporen so widerstandsfähig sind. In etwa der Hälfte der Fälle breitet sich das Bakterium auch in den Hirnhäuten aus und führt zur Meningitis. Auch Sepsis ist eine häufige Komplikation.
Eine dritte Variante, der Darmmilzbrand, entsteht durch Genuß infizierter Lebensmittel, es kommt zu blutigen Durchfällen. Die Milz, die als Organ des Immunsystems meist auch betroffen ist, zeigt sich nach der Obduktion stark verfärbt ("brandig"), daher der Name.
Sehr dauerhafte Sporen
Wie wahrscheinlich ist ein Zusammenhang mit den Terroranschlägen des 11. September? Könnte die zeitliche Nähe nicht auch ein Zufall sein? Sind einzelne Psychopathen als Täter denkbar? Das Urteil wird durch just jene Eigenschaft des Milzbrand-Erregers erschwert, die ihn auch so unheimlich macht: seine gute Haltbarkeit in Form von Sporen (Dauerformen mit praktisch ruhendem Stoffwechsel). Weder Backofen-Hitze noch Desinfektionsmittel zerstören diese zuverlässig. Die Sporen können auch im Boden Jahrzehnte überdauern. So stecken sich im kanadischen Nationalpark "Wood Buffalo" Bisons, aber auch Elche und Bären regelmäßig beim Grasen mit Milzbrand an.
Diese Haltbarkeit war es unter anderem auch, die Anthrax als geeignet für biologische Waffen erscheinen lassen. Schon im Zweiten Weltkrieg experimentierten die Engländer auf der Insel Gruinard vor Schottland mit Milzbranderregern. Die Insel wurde 1986 mit 280 Tonnen des Desinfektionsmittels Formaldehyd besprengt, sie blieb bis 1990 unter Quarantäne, heute noch ist sie unbesiedelt.
1972 wurde in Moskau, Washington und London die internationale Konvention über das Verbot der Herstellung, Lagerung und Entwicklung biologisch-bakteriologischer Waffen (B-Waffen) unterzeichnet, sie trat 1975 in Kraft. Allerdings enthielt der Vertrag keinen Kontrollmechanismus. Und es ist ohnehin schwer zu beurteilen, ob in einem Land an der Entwicklung biologischer Waffen, oder "nur" an Maßnahmen zur Verteidigung gegen solche gearbeitet wird.
Daß zumindest in der Sowjetunion die Entwicklung biologischer Waffen vorangetrieben wurde, gilt seit langem als wahrscheinlich. Doch erst im Jahr 2000 veröffentlichte Ken Alibek, der jahrelang Direktor des sowjetischen Konzerns "Biopreparat" war, 1992 in die USA floh und heute dort an Impfstoffen gegen Biowaffen arbeitet, ein Buch, in dem er behauptete, daß in der UdSSR Pocken, aber auch Milzbrand massenweise gezüchtet wurden.
Der folgenschwerste Unfall ereignete sich 1979 in der Nähe von Swerdlowsk, in einer Fabrik, die getrocknete Milzbrand-Sporen herstellte: Filter wurden bei einem Schichtwechsel nicht ausgetauscht, dadurch gelangten einige Gramm der Sporen ins Freie. Der Wind wehte sie über die 250.000-Einwohner-Stadt. Der Vorfall wurde vertuscht, die Anzahl der an Lungenmilzbrand Verstorbenen später auf zwischen 60 und 100 geschätzt.
Resistente Stämme
Heute noch wird in Rußland heftig an Milzbrand gearbeitet: 1998 berichteten britische Forscher, daß in einem staatlichen Forschungszentrum in Obolensk der Bacillus anthracis genetisch so manipuliert wurde, daß angeblich vollständig gegen Antibiotika resistente Stämme entstanden sind.
Was B-Waffen zu einer so schlecht einschätzbaren Bedrohung macht, ist, daß ihre Produktion wesentlich weniger aufwendig ist als die atomarer Waffen. So stehen etliche Staaten auch der "Dritten Welt" unter Verdacht, Waffen zur biologischen Kriegsführung zu produzieren und zu besitzen. Auch und besonders der Irak. Nach dem Golfkrieg konstatierten UNO-Inspektoren, daß der Irak in seinem beachtlichen Sortiment an biologischen Waffen auch an die 4000 Kilogramm Milzbrand-Bazillen gehortet hatte. 1998 berichtete die US-Kommission für Terrorismus und nicht-konventionelle Kriegsführung von 8400 Liter. Solche Berichte wurden als Anlaß für das Bombardement mutmaßlicher Produktions- und Lagerstätten am 16. Dezember 1998 herangezogen. Doch bis heute, trotz UNO-Inspektoren, werden im Irak Milzbrand-Sporen produziert.
Doch es waren die Berichte aus Rußland, die 1997 zur Rechtfertigung eines großen Forschungsprogramms in den USA dienten. Weiters wurden zwischen Mai 1998 und März 1999 über 630.000 US-Soldaten - teilweise ohne deren Wissen - gegen Milzbrand geimpft, was einige Proteste von Friedensorganisationen hervorrief.
Fabrik in Afghanistan
Auch zur Erzeugung von und Forschung an Impfstoffen gegen Milzbrand muß man naturgemäß mit den Bazillen hantieren. So ist es von außen schwer abzuschätzen, ob eine Fabrik primär zur Produktion von Impfstoffen oder von biologischen Waffen dient. In Afghanistan, wo Milzbrand regelmäßig Rinder, Schafe, Ziegen, Pferde und Lamas befällt - und die ohnehin dürftige Landwirtschaft schädigt -, steht laut Angaben der "New York Times" eine solche Fabrik, die 1997 mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes sogar technisch verbessert worden sein soll. Konnten die Taliban, konnte Bin Laden dort einen Anthrax-Impfstoff für ihre Kämpfer produzieren? Oder ist das - angeblich am 16. September geschlossene - Labor gar der Ausgangspunkt der Bakterien, die die USA zittern lassen? Ein Nachweis wird schwer sein.
Gesundheitsminister Thompson erklärte, es gebe derzeit in den USA ausreichend Antibiotika, um zwei Millionen Menschen 60 Tage lang zu behandeln. Leider ist eine solche Behandlung im Fall von Lungenmilzbrand nicht immer erfolgreich. Und es kann nicht völlig ausgeschlossen werden, daß auf Resistenz gezüchtete Bakterien zum Einsatz kommen.
Prophylaktische Einnahme von Antibiotika ist jedenfalls nicht anzuraten. Und ein Impfstoff wird in den USA nur von einer einzigen Firma ("BioPort") produziert, die nur das Militär versorgen darf. Die Impfung bedarf auch einer langen Prozedur: sechs Injektionen, über 18 Monate verstreut.
Zum Glück scheinen Anschläge mittels in Briefkuverts versteckten Pulvern nicht allzu effizient - vor allem wenn die Bevölkerung gewarnt ist. Hier kann die sogenannte "Panik" durchaus günstig sein. Eine echte Katastrophe wäre es, wenn es Terroristen gelänge, Milzbrand-Bakterien oder -Sporen großflächig zu versprühen.