Für mehr als 300 Millionen Menschen in Europa beginnt das Euro-Zeitalter. EZB-Präsident Wim Duisenberg erwartet ein zusätzliches Wachstum von einem Prozentpunkt durch die Euro-Einführung.
WIEN (apa). Für mehr als 300 Millionen Menschen in Europa beginnt Punkt Mitternacht das Euro-Zeitalter. Beim größten Geld-Umtausch in der Geschichte Europas - für OeNB-Gouverneur Klaus Liebscher ein "Jahrhundertprojekt" - bekommen die Konsumenten in 12 EU-Ländern ab heute Nacht an Tausenden Geldautomaten erstmals die neuen Euro-Scheine in die Hand. Österreichs Großbanken erwarten gegen Mitternacht einen Ansturm auf die Bankomaten und Geldautomaten, vor allem in zentralen Lagen.
Zusätzliches Wachstum von einem Prozentpunkt erwartet
Die Einführung der Euro-Banknoten und Münzen wird dem neuen Währungsraum nach Einschätzung der Europäischen Zentralbank (EZB) ein zusätzliches Wachstum von einem Prozentpunkt bescheren. Diese Vorhersage traf am Montag in Frankfurt am Main EZB-Präsident Wim Duisenberg. Der Notenbankchef stützte sich auf wissenschaftliche Gutachten, die fest mit einem solchen Effekt rechneten. "Und wenn sie nur zur Hälfte Recht behielten, wäre dies schon eine riesige Leistung", fügte Duisenberg hinzu.
Preisstabilität durch den Euro
Nach den Worten des EZB-Präsidenten hat der Euro seit Beginn der dritten Stufe der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion im Jänner 1999 bereits seine positiven Eigenschaften bewiesen. So habe die Gemeinschaftswährung im Inneren zu einer bemerkenswerten Preisstabilität geführt. Auch nach außen habe der Euro gezeigt, daß er schweren weltwirtschaftlichen und politischen Schocks standhalten könne.
Euro ist ein Katalysator für mehr Integration
Die Einführung der neuen Scheine und Münzen wird laut Duisenberg nun in großem Ausmaß zu mehr Transparenz auf den Märkten beitragen. Zudem werde der Handel mit Waren erheblich erleichtert. Vor allem aber wird der Euro nach Ansicht des EZB-Chefs zu einem weiteren Zusammenwachsen Europas führen. Die gemeinsame Währung werde ein Katalysator sein für mehr Integration und allmählich zu einer gemeinsamen Steuer-, Sozial-, Verteidigungs- und Außenpolitik der Europäischen Union führen. "Das alles wird jetzt viel schneller gehen als ohne Euro", sagte Duisenberg.
Liebscher: Euro sei die Krönung des Binnenmarktes
Klaus Liebscher, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) und EZB-Ratsmitglied, geht davon aus, daß sich in Euroland als Effekt des gemeinsamen Bargelds Warenpreise und Mehrwertsteuersätze annähern werden. Absoluten Gleichklang sieht er dennoch nicht. Für Liebscher ist mit dem Euro, der als gemeinsames Bargeld in 12 EU-Ländern einzieht, ein politischer Schulterschluß verbunden - der Euro sei die Krönung des Binnenmarktes. Er schätzt, daß sich im Laufe einiger Jahre auch in den noch nicht am Euro teilnehmenden EU-Ländern Großbritannien, Dänemark und Schweden die Stimmung für eine Euro-Teilnahme noch einmal verbessert, wie er im Hörfunk erklärte.
Warnung vor gefälschten Banknoten
EU-Währungskommissar Pedro Solbes warnte unterdessen vor gefälschten Banknoten in den alten nationalen Währungen. Bei Banken seien zuletzt Blüten in deutlich höherer Zahl aufgetaucht als in den vergangenen Jahren, sagte Solbes in Brüssel. Allerdings seien die Fälschungen häufig "von sehr schlechter Qualität" und damit leicht zu erkennen. Solbes appellierte zugleich an den Handel, die Bargeld-Einführung nicht für Preiserhöhungen zu mißbrauchen.
EU-Kommissionspräsident Romano Prodi sagte in Brüssel, der Euro werde seine Rolle als eine der beiden weltweit wichtigsten Währungen neben dem Dollar spielen. Er stehe schließlich für zwei Drittel der nicht vom Dollar abgedeckten Weltwirtschaft. Nächster Schritt nach der Euro-Einführung müsse nun eine engere wirtschaftspolitische Koordinaton in Europa sein.
Die Aussicht auf die Einführung als Bargeld konnte dem Euro-Kurs jedoch zunächst nicht deutlich aufhelfen. Nachdem die Gemeinschaftswährung in London am Vormittag zunächst leicht verlor, stand sie am Nachmittag mit 0,8859 Dollar nur geringfügig über dem Wert zu Handelsbeginn. Von der für den heutigen Silvestertag vor vielen Monaten erwünschten Dollar-Parität also keine Spur.