George Harrison, Leadgitarrist der Beatles, ist im Alter von 58 Jahren an Krebs gestorben. Nachruf auf einen Rock 'n' Roller mit traurigen Augen.
Auf seinen letzten Photographien, als er längst den im Gehirn metastasierenden Krebs behandeln ließ, mager und ausgezehrt, sah man sie noch einmal: diese traurigen Augen George Harrisons. Schon auf den ältesten Aufnahmen im Kreis der Beatles hatten sie einen angesehen: die traurigen Augen eines schmächtigen Halbstarken mit abstehenden Ohren, in Lederkluft, der sich an seiner Gitarre festhielt. 17 Jahre war er damals, mit den Beatles musikalischer Saisonarbeiter in Hamburger Nachtclubs - bis sie ihn wegen Minderjährigkeit zurück nach Liverpool schickten.
Zwei, drei Jahre später war George Harrison, Sohn eines Busfahrers, ein Viertel der größten Popband aller Zeiten. Und weil in dieser Demokratie der Könige keiner wichtiger sein sollte als ein anderer - und weil er geübt hatte, bis ihm die Finger bluteten -, war er der erste Gitarrist der Beatles. Gewiß, John Lennon und Paul McCartney schrieben die meisten Songs - Harrison war Autor von nur 22 Beatlesliedern -, aber hinter seinem Namen stand das Wort "Lead Guitar", und er spielte sie, bescheiden, unprätentiös und effektiv. Und wenn ein trockener Rock 'n' Roll, etwa von Chuck Berry, zu singen war, dann durfte auch Harrison allein vor das Mikrophon. Sonst liebten ihn die stillen Mädchen, besonders, wenn er mit McCartney synchron zum "Yeah! Yeah! Yeah!" die Haare schüttelte.
Er entdeckte Indien
Gegen den aggressiv-abstrakten Spruch Lennons, den Charme McCartneys, den Underdog-Schmäh Ringo Starrs wirkte George Harrison schüchtern und etwas blaß in diesen Tagen einer Pop-Welteroberung; die irrwitzige Euphorie, die die frühen Beatles verströmten, war auch nicht das Seine. Erst nachdem die Band sich 1966 von der Live-Tätigkeit zurückzog, setzte er Impulse - mit seinem Interesse für indische Musik, Religion und Philosophie. Auf "Taxman" (1966) hatte er noch über die hohe Einkommenssteuer geklagt, auf "Within You Without You" (1967) warnte er - zur Sitar raunend - davor, "die Welt zu gewinnen und die Seele zu verlieren". Sein Blick, durch die langen Haare hindurch, hatte inzwischen Guru-Qualität gewonnen: verinnerlicht, hieß es. Die Kollegen folgten ihm zu den Seminaren des Maharishi Mahesh Yogi, nur Ringo spöttelte ein wenig.
Zu seinen schönsten, bewegendsten Songs fand Harrison in den letzten beiden Beatles-Jahren. Seine Bescheidenheit bewies er, als er auf "While My Guitar Gently Weeps" Eric Clapton die Sologitarre spielen ließ, jenen Clapton, mit dem er Jahre später um seine Frau Pattie ringen sollte.
Schwermut, Gleichmut
In "Something" rang er einstweilen nach Ausdruck, mit höchstem Erfolg: Selten sind in einem Refrain so schwere Schatten der Schwermut in glückseliges Liebeslicht gefallen, und doch blieb da ein Rest von Gleichmut, fast überirdisch, zu einer Gitarre, von der man nie weiß, ob sie vor Freude oder Schmerz weint. Dazu "Here Comes The Sun", das seinen wissend-unschuldigen Reiz auch in einer steirischen Version nicht verloren hat.
Als die Beatles zerbrachen, war Harrison kein Verlierer. Nach elektronischen Ausflügen ("Electronic Sound") war sein synkretistisches "My Sweet Lord" (inkl. "Halleluja" und "Hare Krishna") erfolgreicher als die ersten Soloversuche McCartneys und Lennons; auf dem Dreifachalbum "All Things Must Pass" predigte er in epischem Format. Er begleitete Bob Dylan, präsentierte diesen auch bei seinem "Concert For Bangla Desh". Den tiefen Fragen blieb er treu, fragte "What Is Life", forderte "Give Me Love", schenkte uns mit "Ding Dong, Ding Dong" ein herrlich naives Neujahrslied. Seine späteren Alben - bis zu "Cloud Nine" (1987) - sind, vor dem Angesicht der Ewigkeit darf man das sagen, nicht in die Popgeschichte eingegangen, ebensowenig wie die Prominenten-Combo "Travelling Wilburys".
Harrison heiratete ein zweites Mal, zog sich auf sein Schloß westlich von London zurück, entdeckte sich als Gärtner, besuchte Formel-Eins-Rennen. 1999 wurde er bei einem Mordanschlag schwer verletzt. Schon 1998 gab er bekannt, daß er an Rachenkrebs litt, den er selbst aufs Rauchen zurückführte. Frau und Freunde begleiteten ihn durch die letzten Hoffnungen, durch die Kliniken.
Nun weht in Liverpool der Union Jack auf Halbmast. Die Königin, der Premierminister, auch Yoko Ono, Witwe des bereits 1980 gestorbenen John Lennon, suchten nach Worten der Trauer. Paul McCartney fand sie: Er sprach von seinem lebenslangen Jugendfreund als "ganz einfach mein kleiner Bruder".