Schwärmen hält jung

Marcel Prawy ist 90. Da sieht man, daß die ausschließliche Beschäftigung mit Musik einen Menschen jung und kräftig hält.

Unterzukriegen war er nie. Des öfteren hat man schon den Atem angehalten, zuletzt, als er sich den Fuß brach. Aber während seine Verehrergemeinde noch grübelte, wie er das verkraften würde, saß er längst wieder im Flugzeug, um den neuesten Opernführer zu drehen.

Seit den sechziger Jahren präsentiert Marcel Prawy im Fernsehen Oper, Operette und Musical und ist damit ein Entertainer geworden, wie ihn die Medienwelt kein zweites Mal hat. Während Intendanten auf Quotenjagd in immer seichteren Gewässern fischen zu müssen glauben, fesselt er die Leute mit Analysen der "Frau ohne Schatten". Komplizierter geht's nicht, meint der Laie. Prawy aber weiß: Wenn er von den tiefgründigsten Sachverhalten erzählt, lauscht ihm die Nation gebannt und genießt Hofmannsthals versponnenste Fabel wie ein Kindermärchen.

Warum? Weil er ein Begeisterter ist, der immer mehr und immer gründlicher über sein Lieblingsgebiet wissen möchte, und weil er es schafft, den Rest der Menschheit an dieser Begeisterung teilhaben zu lassen. Wenn er von etwas schwärmt, ist auch der letzte Skeptiker zu überzeugen, daß das, worüber Prawy gerade redet, eine eminent wichtige und jedenfalls die spannendste Sache von der Welt ist.

Das war schon so, als er nach dem Krieg aus der amerikanischen Emigration heimkehrte und zunächst für die Besatzer zum Präsentator wurde. Das hat dazu beigetragen, daß scheinbar gegen jede Vernunft die Wiener Volksoper vor einem halben Jahrhundert begann, Musicals nach Wien zu holen. Den Siegeszug dieser Gattung in der Alten Welt hat Prawy mitbegründet.

Somit hat er auf den unterschiedlichsten Ebenen für die Kulturpflege in unserem Land mehr getan als die meisten anderen Vorkämpfer und Vermittler. Man konnte ihm nie widerstehen; die verantwortlichen Politiker und Manager konnten nicht nein sagen. Und sie mußten ihm rückwirkend immer mindestens so dankbar sein wie das Publikum, daß er stets auf seiner Seite hatte. Er hätte, meinte er einmal bescheiden, mangels anderen Talenten nur der Prawy werden können. Zu seinem und zu unserm Glück ist er's geworden.

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