Der Coup des alten Mannes und das Ende der Familie Wagner

Bayreuther Festspiele. Wolfgang Wagner trotzt allen Anfeindungen: Der Enkel des Komponisten gibt mit seinen Planungen für die Bayreuther Festspiele bis 2007 kräftige Zeichen der Erneuerung.

Die deutsche Kulturpolitik, die Wolfgang Wagner seit Jahren aus dem Sattel heben und durch weitaus weniger profilierte Persönlichkeiten ersetzen möchte, ist blamiert. Der mittlerweile über 80jährige Enkel Richard Wagners hat seine Planungen für die nächsten Jahre bekanntgegeben und mit einigen Engagements signalisiert, daß Altersstarrsinn und Strukturkonservativismus keineswegs sein Metier sind. Für die musikalisch von Christian Thielemann betreute Neuinszenierung des "Rings des Nibelungen", die 2006 herauskommen soll, hat er den Filmregisseur Lars von Trier verpflichtet, der eine neue Bilderwelt für die Tetralogie entwerfen soll. Für den "Parsifal", der bereits 2004 wieder ins Programm genommen wird, steht nun Martin Kusej als Regisseur fest. Pierre Boulez wird die Premiere dirigieren.

Mit dem von vielen als Enfant Terrible betrachteten Kusej hält einer der viel diskutierten Erneuerer des Musiktheaters in Bayreuth Einzug. "Progressiver" könnten auch jüngere Festspielchefs nicht entscheiden; höchstens anders; womit ein Hauptargument der politischen Agitation gegen den amtierenden Hausherrn von Bayreuth entkräftet ist.

Wolfgang Wagner setzt seine unverwechselbare Linie der Vermittlung zwischen Theateravantgarde und Tradition fort. Diese sichert den Bayreuther Festspielen seit Jahren nicht nur das Interesse der Fachpresse, sondern die Treue des Publikums. Bayreuth ist, was auf der Welt singulär ist, auf neun oder gar zehn Jahre restlos ausgebucht.

Wolfgang Wagner hat es verstanden, die Gratwanderung zwischen Innovation und Erhalt der künstlerischen Identität und Qualität zu wahren, indem er gewagte, aber zuletzt doch meist einleuchtende Verknüpfungen vornahm.

Chéreau, Kupfer, Müller

So engagierte er für den "Parsifal" Ende der sechziger Jahre Pierre Boulez, der mit seiner transparenten, eleganten und zügigen Deutung der Partitur das perfekte Gegenbild zur über viele Jahre von Hans Knappertsbusch geprägten Bayreuther Aufführungstradition zeichnete.

Der Franzose profilierte sich damit als musikalischer Leiter für den "Jahrhundert"-Ring-Zyklus des Jahres 1976. Diesen inszenierte dann Patrice Chéreau, der damit zunächst einen veritablen Aufruhr entfachte, dank seiner perfekten Personenführung jedoch maßstäblich das Wagner-Theater des ausgehenden 20. Jahrhunderts prägte.

Den im Sinne des ästhetischen Mainstream vielleicht verfrühten Versuch eines romantisierenden Neubeginns in den achtziger Jahren bewertete selbst der konservative Teil des Publikums nur als Retrospektive. Bayreuth hatte nach den seit 1951 von Wolfgangs Bruder Wieland Wagner initiierten Aufbruchssignalen erneut die Entwicklung des internationalen Musiktheater vorangetrieben.

Wer nun meinte, Wolfgang Wagner hätte danach mit seinen eigenen Inszenierungen und mit manch anderen Engagements zum Rückzug geblasen, den belehrten spätestens Harry Kupfers "Ring" von 1988 und Heiner Müllers "Tristan", der als artifiziell-postmoderne Antithese zur ästhetisierenden Ponnelle-Inszenierung zu verstehen war, eines Bessern. Zuletzt brachte der Intendant mit dem Engagement von Christian Thielemann auch den profiliertesten Wagner-Dirigenten der jungen Generation ins Festspielhaus. Von Stillstand auf dem grünen Hügel also keine Spur.

Mit den jüngst verkündeten Engagements bis 2006 ist zwar die Frage, wer dem großen alten Festspielmacher nachfolgen soll, keineswegs beantwortet. Seine direkten Konkurrenten mit ihren bläßlichen Konzeptpapieren hat Wolfgang Wagner jedoch deklassiert. Die Weichen für die nächsten Jahre sind gestellt, für Diskussionen ist weiterhin gesorgt. Realistische Beobachter der Szene konstatieren damit ein Phänomen: Die Chance, daß Bayreuth in der Hand der Familie Wagner bleibt, hat der Enkel des Meisters selbst gegen null sinken lassen. Wer einen Nachfolger für ihn sucht, kann nur mit großen künstlerischen Kalibern auffahren.

Die Pläne, nette, aber nicht annähernd für diese Aufgabe profilierte Urenkelinnen ins Spiel zu bringen, muß man wohl endgültig ad acta legen.

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