Realität und das Reale auf der Couch

"100 Jahre Jacques Lacan": Das Wiener Freud-Museum zeigt eine Ausstellung zu Ehren des extravaganten Psychoanalytikers.

Sozusagen die Wiederkehr eines Verdrängten: Unter einer früheren Direktion - der Leupold-Löwenthals - hätte man die Werke Lacans "in Fuß- und Tritthöhe" unter "deviante Schriften" eingeordnet, meinte Kurator August Ruhs. In seiner Rede wurde einem schnell wieder klar, warum so viele Psychoanalytiker Lacan nicht nur als Exzentriker, sondern auch, im Sinne Freuds, als "Abgefallenen" sehen. Die Konzepte vom "Ding, das den Objekten vorangeht", vom "Realen", das im Gegensatz zur "Realität" stehe, sind mit einer auch nur ansatzweise wissenschaftlichen Sicht unversöhnlich geblieben. Hier raunte einer, der sich Kants unnahbarem "Ding an sich" künstlerisch nähern wollte - und dabei ins Vokabular der Psychoanalyse griff.

Ein Künstler, das ja. Auch seinen Knoten und Bändern näherte sich Lacan ästhetisch, nicht analytisch. Und so ist die Kunstausstellung zu seinem Gedenken auch so gelungen - weil Künstler ihre Spiele mit Worten, Bildern, Träumen nicht systematisch zügeln müssen, sollen.

Nives Widauer läßt von Träumen erzählende Gesichter durchs Schwarze kreisen; Walter Oppolzer zeigt Knödel, die wie Knoten aussehen, Cerith Wyn Evans einen "Moebius Strip", der kein Möbiusband ist.

Angst vor dem Nächsten

Ecke Bonk sieht im TV-Rauschen das Echo des Urknalls (im Katalog kühn als "universalster aller Gründungsmythen" bezeichnet); Maria Theresia Litschauer findet in einer Spule an einem Faden eine Ablösung vom Subjekt. Daß sie dazu schreibt, daß "Photographien Abwesenheiten repräsentieren", ist wohl nur im Lichte Lacans zu verstehen. Dicht wirkt Peter Weibels "Panoptic Society": Dem Insassen einer Zelle sind seine Taten wie in Kafkas Strafkolonie körperlich eingeschrieben, dazu liest man über Mord, Sex, Intimität. - Die Intimität und die Furcht davor standen auch in einem der Zentren der Rede des slowenischen Psychoanalytikers und Philosophen Slavoj Zizek, für den Lacan eine Quelle seiner wilden und brillanten Thesenfabrikation ist.

In Anlehnung an Freud, der die Zumutung des Gebots der Nächstenliebe zurückwies, geißelte Zizek die Idee einer "perfekten Liebe", die indifferent gegenüber den Eigenschaften des Nächsten ist. Wahre Liebe sei es, den anderen seiner Schwächen halber zu lieben! Wie meist war Zizek am köstlichsten, wenn er gegen Political Correctness polterte, Kierkegaard und Kant vorführte, die Yuppies scholt, die "es tun, ohne zu inhalieren". Seine Grübeleien zum 11. September - die Fiktion sei als Realität entlarvt worden etc. - wirkten dagegen etwas aufgesetzt.

Den bilderstürmerischen Witz der "Neuen Slowenischen Kunst", die Zizek mitgeprägt hat, zeigen indessen einige Arbeiten. Darunter ein Bild von Zizek auf der Couch, über ihm Courbets "L'origin du monde". Ohne Worte. So läßt es sich auch mit Lacan-Schülern leben.

Bis 27. Jänner, täglich 9 bis 17 Uhr; Wien 9, Berggasse 19.

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