Das "Opernhaus des Jahres" besinnt sich auf die Musik

Die Grazer Oper geht nach ihrer Ernennung zum Opernhaus des Jahres neue Wege. Intendantin Karen Stone brachte als Einstandspremiere Tschaikowskys "Eugen Onegin", und das Publikum staunte. Denn das Ergebnis klang nicht nur wie "Eugen Onegin", es sah auch so aus!

Daß im angehenden 21. Jahrhundert irgendwo in der Welt ein Theaterintendant antritt, der sich nicht sogleich beim deutschen Feuilleton Liebkind zu machen versucht, um im Alter einmal zum Opernchef des Jahres gekürt zu werden, sondern mit dem Vorsatz ans Werk geht, die Stücke, die er ansetzt wieder ernst zu nehmen, darauf würde wohl niemand auch nur einen Schilling verwetten.

In Graz scheint sich dieses Wunder dennoch gerade anzubahnen. Karen Stone kümmert sich nicht um den Geschmack der Feuilletonisten, sondern engagiert Leadingteams, die das Werk, nicht sich selbst in Szene setzen. Entsprechend hochgestimmt war das Grazer Publikum am Premierenabend, es erschien nicht nur vollzählig. Es applaudierte auch frenetisch, verlor dabei aber vor lauter Freude über die in Aussicht gestellte Normalisierung nicht seine Urteilskraft. Die offenkundige Sympathie mit der grundsätzlichen Tendenz der Intendantin artete nicht aus in Kritiklosigkeit. Nur weil man die Handlung von Tschaikowskys Oper in seiner Produktion Punkt für Punkt nachvollziehen konnte, müßte man Regisseur Stein Winge noch nicht wie einen Theatercäsaren umjubeln.

Denn die liebevolle, oft vielleicht sogar zu detailversessene Modellierung der Einzelpersonen bleibt in vielen Szenen doch recht unzusammenhängend, um sich in den größeren Tableaus ganz zu verflüchtigen. Für die jungen Sänger stellen die detailreich ziselierten Kammerspielszenen allerdings den idealen Rahmen dar, ihre Charakterisierungskünste vokal abzurunden. Vor allem dem blühend schönen Sopran von Tamar Iveri (Tatjana) gelingt das mit berückenden Phrasen. Auch Mariusz Kwiecien in der Titelrolle punktet mit einem klangschönen, nur in der Tiefe hörbar begrenzten Bariton. Wacker, von mancher Attacke freilich doch sturmgebeutelt hält sich der Tenor von Will Hartmann (Lenski), achtbar so gut wie alle anderen Darsteller, unter denen die imposante Altstimme Diane Pilchers (Amme) aufhorchen läßt.

Die rechte Stimmung im kargen, nur mit dem Nötigsten möblierten Bühnenbild von Johannes Schütz sorgen Sabine BöingsKostüme, die ironisch zwischen dem geschmacksreduzierten Knallbunt eines Provinzfestes und dem höfischen Schwarzweiß der St. Petersburger Gesellschaft unterscheiden.

Held des Abends ist jedoch der Dirigent. Philippe Jordan, noch nicht ganz 27, doch schon Autorität genug, um die notorische Grazer Musikmisere mit wenigen Handbewegungen in ihr Gegenteil zu verkehren. So klangschön, differenziert und lebendig hat das philharmonische Orchester seit langem nicht mehr aufgespielt. Der neue Generalmusikdirektor ist als einfühlsamer Sängerbegleiter wie als Stimmungsmacher das größte Versprechen für die Grazer Opernzukunft. Auf daß das traditionsreiche Haus bald wieder weniger preisgekrönt denn ausverkauft sein möge.

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