Der Revolutionär

Ein Beamter, ein Rechtschreibfehler und der Dienstweg.

Wir wissen nicht, welches Wort die Beamtin falsch geschrieben hat. Vielleicht hat sie den Namen ihres Chefs, Dieter Böhmdorfer, ohne "H" geschrieben. Das wäre natürlich ein fataler Fehler. Oder sie hat die neue Rechtschreibung verweigert und von aufwendiger statt aufwändiger Arbeit geschrieben - was, von Beamten formuliert, ohnehin inhaltlich mitunter falsch wäre.

Was auch immer. Ein aufmerksamer Beamter der Wiener Neustädter Justizwache bemerkte den Rechtschreibfehler. Und dann beging er eine schwere Dienstverfehlung: Er informierte nicht seinen Vorgesetzten, der wiederum seinen Vorgesetzten informiert hätte, der in der Folge ein förmliches - und hoffentlich fehlerfreies - Schreiben an das Justizministerium verfaßt hätte, damit das Ministerium dann, ein halbes Jahr später, eine Korrektur ausschicken kann. Nein! Der Mann griff - vermutlich in einem Anfall von Menschlichkeit - zum Telephonhörer und rief die Verfasserin des Schreibens an. Die Folge ist jedem gelernten Österreicher klar: Nichteinhaltung des Dienstweges, der Fehler-Hinweiser wurde seiner Funktion enthoben. Könnte ja jeder kommen und direkt im Ministerium anrufen. Einem so unorthodoxen Beamten muß man rechtzeitig Einhalt gebieten, sonst nimmt er nächstes Mal tatsächlich noch seinen Minister ernst, der immer fordert, bei Problemen sollten sich Beamte direkt an ihn wenden.

Der Vorfall ist wahr, man muß das betonen. Es ist tatsächlich passiert, im Jahr 2001. Und niemand in der Wiener Neustädter Justizwache findet etwas daran: Das sei, erklärte ein Beamter den Vorfall, ein ganz klares Vergehen gegen die Dienstvorschrift. Und das Aberkennen der Funktion sei eben die Folge. Weit haben wir's gebracht, ehrlich gemeint - vor ein paar Jahren wäre der Revolutionär vielleicht noch fristlos entlassen worden.

Die Regierung muß sich keine großen Gedanken über eine Verwaltungsreform, über One-Stop-Behörden und Bürgernähe machen. Sie sollte sich um die Mentalität der Beamten sorgen. In Schnitzlers "Professor Bernhardi" sagt Hofrat Winkler: "Als Beamter hat man nur die Wahl, Anarchist oder Trottel." Nur: In Österreich ist ein Anarchist ein Trottel.

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